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„Don Quixote“ in Neuhardenberg

tip Wie versetzen Sie „Don Quixote“ aus dem 16. Jahrhundert in die Gegenwart?
Lutz Hübner  In der Fassung für Neuhardenberg und das Grips Theater ist Don Quixote ein Junge namens Hugo, der nach einer Überdosis Rittergeschichten beschließt, selbst einer zu werden und draußen Abenteuer zu erleben. Der Impuls, sich auf die Reise zu begeben, ist also derselbe wie bei Cervantes: Jemand erschafft sich eine Phantasiewelt, weil sein Alltagsleben den großen Träumen nicht genügt.

tip Was fasziniert uns nach 400 Jahren noch an diesem schrulligen Abenteurer aus Cervantes Roman?
Lutz Hübner Sein Eigensinn und sein Beharrungsvermögen: Für Quixote ist zum Beispiel die üble Kneipe ein Schloss und das behauptet er so lange, bis auch die Stammgäste anfangen, sich irgendwie erhaben zu fühlen. Da ist jemand, der eine neue Interpretation der Welt anbietet, auch wenn er dafür manchmal die aberwitzigsten Kapriolen schlagen muss. Das ist ein Kennzeichen von Kinderspielen, die Welt wird magisch. Das hat den Roman auch durch die Zeiten gerettet, die Welterfindung – die aber auch zu wirklich gemeinen Szenen führen kann. Quixote ist eine gebrochene Figur und das macht ihn interessant.

tip Schöne Zeiten, als selbsternannte Ritter noch davon träumen konnten, gegen Riesen, Zauberkräfte und Ungeheuer zu kämpfen. Wo finden die Figuren von Kindertheater-Stücken heute ihre Abenteuer?
Lutz Hübner Das Eintauchen in fremde Welten findet heute sicher eher am Computer statt als in der Leseecke der Bücherei. Trotzdem zeigen Erfolge wie „Harry Potter“ oder die  „Tintenherz“-Romane, dass die großen Epen voller Drachen und Elfen immer noch eine große Faszination ausüben. Bei allem Engagement für ein realistisches Kindertheater – ganz ohne Prinzessinnen und selbsternannte Ritter geht es dann doch nicht. Es wäre auch schade, wenn das irgendwann für Kinder nicht mehr interessant wäre.

tip Don Quixote wäre gern ein Held, wirkt aber wie eine tragische Witzfigur. Sind Helden lächerlich?
Lutz Hübner Helden ist die eigene Parodie immer eingeschrieben, der Held ist nicht integrierbar, er hat keine Alltagstauglichkeit. Er überschreitet die Grenzen dessen, was der normale Mensch zu leisten vermag, ist aber ein Phänomen ohne Dauer. Ein Held, der vor einer Woche einen Drachen getötet hat, seitdem aber zuhause herumsitzt und angibt, anstatt beim Abwasch zu helfen, ist eine tragische Figur. Auch wenn er vor einer Woche wirklich ein Superstar war, der die Welt gerettet hat. Helden sind notwendig und anstrengend.

tip Der arme Don Quixote verwechselt die Wirklichkeit mit den Ritter-Romanen, die er verschlingt. Sind Bücher gefährliche Drogen, die süchtig machen?
Lutz Hübner Cervantes hat seinen Roman als Parodie auf die damals gängigen Ritterromane begonnen, dann hat sich ihm der Stoff unter der Hand verselbstständigt. Ritterromane waren zu Schmökern herabgesunken. Inzwischen würde niemand mehr ernsthaft vor dem Einfluss schlechter Bücher warnen, Lektüre ist in (fast) allen Bereichen eine Hochkulturtechnik geworden. Die heutige Entsprechung wäre vielleicht das  Computerspiel, in dem sich der Nerd so verliert, dass er im schlimmsten Fall den Kontakt zur Realität verliert.

tip Nietzsche schwärmt, Cervantes Roman sei „die herbste Lektüre“: „Aller Ernst und alle Leidenschaft und alles, was den Menschen ans Herz geht, ist Don Quixote“. Stimmen Sie zu?
Lutz Hübner Ja, denn Quixote zahlt immer bar und den vollen Preis: In seiner Anbetung Dulcineas, in seinem unbedingten Willen, edle Taten zu begehen und dann auch in seinem erbarmungswürdigen Leiden am Spott der Welt. Dabei ist er kein Dostojewskjischer Fürst Myschkin, er kann auch gemein und egoistisch sein, eine Nervensäge und ein Hooligan. Aber immer bleibt er seiner Mission treu. Es gibt bei Franz Jung das Bild des Torpedokäfers, der immer wieder mit neuem Schwung gegen die Wand anfliegt, bis er zugrunde geht, das ist auch Quixote. Man verfolgt seine Pläne, die zum Scheitern verurteilt sind, aber selbst, wenn man ihm etwas zurufen könnte – er würde uns nicht hören.

Interview: Peter laudenbach

Fotos: David Baltzer / bildbuehne.de; privat

Don Quixote Schloss Neuhardenberg,  Sa 3., So 4.10, 16 Uhr, ?Karten-Tel.: 39 74 74 77

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