Theater

Donald Runnicles dirigiert Wagners „Lohengrin“

donald_runnicles_019-2_c_John_Wood_BBCWenn man ihn so durch die Gänge der Deutschen Oper laufen sieht, kraftvoll wiegenden, doch auch ein wenig schlurfigen Schritts, den Gürtel tief sitzend, mit Hippie­bart und schlackerndem Sakko, auf dem die lockigen, etwas zu langen Haare aufliegen, hat man das Gefühl, optisch gehöre der Generalmusikdirektor Donald Runnicles immer schon nach Berlin und an dieses Haus. Es ist verwohnt, aber ein Architekturstatement der frühen Sixties. Es ist nicht unbedingt schön, nicht schick, prunkvoll schon gar nicht. Aber ungemein praktisch, effektiv in der Handhabung, mit wunderbaren Sichtlinien, luftig staufreien Foyers und einer hervorragenden Akustik, in der ein feiner, kleiner Mozart ebenso präsent klingt wie eine fette Grand Opйra. Ganz zu schweigen von Wagner, nach wie vor der Visitenkarte des Hauses, trotz der Konkurrenz der Barenboim-Staatsoper.

Wagner, den beherrscht auch der 1954 in Edinburgh geborene Schotte Runnicles. Bei ihm brodelt da eine vitale Urgewalt, keine mythische Suppe. So klar, wie seine Einsätze kommen, so souverän, wie er über den ihm gewogenen, präzise folgenden Orchesterapparat gebietet, so unverstellt und klanglich strukturiert aufgefächert breitet sich auch der von ihm erzeugte Tonstrom aus. Nie die Sänger zudeckend, immer die nächste Entwicklung schon vorbereitend, nie sich verlierend, nie an sich selbst berauschend, kontrolliert, mit der Lust am plastischen Leitmotivmosaik und am durchaus voll saftigen Musikantentum. Kapellmeisterlich ist das – so wie sich auch immer Christian Thielemann sehen wollte, der im Groll geschiedene frühere Musikgewaltige des Hauses an der Bismarckstraße. Runnicles ist ihm ein Bruder im Geiste. Da ist nichts nervös verzärtelt, da hält einer Musikmachen für Handwerk, für eine nachschöpferische Kunst, nicht für krea­tive Zauberei. Und kommt doch zu immer wieder erstaunlichen, ja überraschenden Ergebnissen.

Donald Runnicles, den sich die Deutsche Oper als Musikchef noch auf Jahre mit dem BBC Scottish Symphony Orchestra teilen muss, mag kein Superstar unter den Dirigenten sein. Er hat sein Können und seine Erfahrung auf dienender Praxis aufgebaut, nicht auf PR-Rummel und Geniekult. Trotzdem ist er sehr geradlinig seinen Karriereweg gegangen, der ihn an alle wichtigen Opernhäuser und Festspiele der Welt führte. Für viele Komponisten, Wagner, Britten oder Janбcek, wurde er dabei für die Intendanten und Orchesterdirektoren schnell eine allererste Wahl. Die Deutsche Oper, die trotz ihrer Größe und ihres viel reichhaltigeren Repertoires mit zehn Millionen Euro weniger auskommen muss als die mit dem Barenboim-Bundeskanzler-Bonus grundlos belohnte Staatsoper, kann sich glücklich schätzen, dass sich Runnicles für sie entschieden hat. Das Haus an der Bismarckstraße gewinnt dank der oftmals glamourösen Sängerverpflichtungen des Operndirektors Christoph Seuferle langsam wieder ein sicheres Fundament, auf dem der künftige Intendant Dietmar Schwarz aufbauen kann.

Schwarz kennt Donald Runnicles übrigens noch aus seiner Zeit in Freiburg. Jawohl: Freiburg! Der Schotte, der in Edinburgh und Cambridge studierte, hat seine Karriere in der für den globalen Opernbetrieb eigentlich unersetzlichen deutschen Provinz begonnen. In ihren über 80 Mehrspartenhäusern (was fast die Hälfte aller Musiktheaterbetriebe weltweit ausmacht) kann man wachsen. Runnicles also startete seine musikalische Laufbahn 1980 als Korrepetitor in Mannheim. Er war damals schon als Assistent bei den Bayreuther Festspielen dabei, erwarb sich schnell einen guten Ruf als Gastdirigent bei verschiedenen europäischen Orchestern. 1989 wurde er dann Generalmusikdirektor in Freiburg. Doch da hatte die Karriere eigentlich schon längst abgehoben. Während er dort noch mit Ruth Berghaus zusammenarbeitete, hatte sich längst schon Amerika an dem Schotten interessiert gezeigt. Nach einigen Gastdirigaten an der Metropolitan Opera wurde er nach San Francisco eingeladen, 1992 wechselte er dorthin als Musikchef.

Vom Breisgau an die Bay, von Westdeutschland an die Westcoast. Nicht die schlechteste Richtung. Das War Memorial Opera House ist neben der Chicago Lyric Opera und der Met das einzige US-Traditionshaus mit einer stolzen Vergangenheit und einem europaähnlichen Stagione-Spielplan. Hier verrichtete Donald Runnicles wunderbare musikalische Aufbauarbeit, so, wie er auch die ehrgeizigen, von der Finanzkrise gebeutelten, vom europäischen Regietheater geprägten Jahre von Pamela Rosenberg zwischen 2001 bis 2005 loyal begleitete. Bis 2009 blieb er Opermusikchef, 17 ungetrübte Jahre. Rosenberg, die noch vor ihm als Intendantin der Berliner Philharmoniker zurückging von Kalifornien nach Berlin, mag Runnicles vielleicht auch Klaus Wowereit und seinem Eintüter Andrй Schmitz empfohlen haben.

Runnicles hat sich hier schnell etabliert. Das Orchester, das man an der Deutschen Oper unbedingt hinter sich haben muss, hat ihn freudig begrüßt, ebenso das Publikum. Er hat Puccini, Strauss und Wagner im Repertoire dirigiert und auch dem weiterhin gehüteten Götz-Friedrich-Ring seinen Stempel aufgedrückt. Der neue „Lohengrin“, Premiere am 15. April, ist nach dem schönen „Tristan“ im letzten Jahr bereits seine dritte Wagner-Novität. Bei „Les Troyens“ von Berlioz hörte man, dass er auch im französischen Idiom firm ist, es soll ein ganzer Zyklus werden. Mit Sasha Waltz ist er schon einig, deren gefeierte „Romйo et Juliette“-Produktion von der Pariser Oper zu übernehmen. Mit der hell bejubelten „Jenufa“ in der Regie des endlich erstmals in Berlin arbeitenden Christof Loy ist ihm ein Einstand nach Maß für einen Janбcek-Zyklus gelungen, eine Britten-Opern-Folge wird sich anschließen, „Peter Grimes“ macht den Anfang. Auch seinen ersten großen Verdi hat Donald Runnicles mit einem neuen „Don Carlo“ absolviert. Ebenso hat er das an dem Haus immer nur eine kümmerliche Existenz führende Konzertprogramm als Opernergänzungsmaßnahme neu strukturiert.

Runnicles ist ein Mann mit Sinn für Realitäten. Anfang der Neunziger gelang ihm eine bescheidene Medien-Karriere bei Teldec, die sich im Sterben der CD-Firmen nicht fortgesetzt hat. Es war ihm nicht wichtig. Bedeutend war hingegen seine Live-Präsenz bei den Berliner und Wiener Philharmonikern, in Bayreuth, Glyndebourne und Salzburg. In San Francisco ist er nach wie vor der Wagner-König, der bereits zwei ganz unterschiedliche „Ring“-Inszenierungen regiert hat. Runnicles stand aber auch am Uraufführungspult stilistisch so unterschiedlicher Opern wie Conrad Susas „Dangerous Liaisons“ und John Adams’ „Dr. Atomic“, dirigierte Tippetts „King Priam“ und Messiaens „St. François d’Assise“ sowie Stewart Wallace’ „Harvey Milk“. Regiekruditäten mag er nicht mittragen, so wenig wie ein leer gespieltes Haus. Auch da steht der hart arbeitende Profi aus Schottland mit beiden Beinen auf dem Bühnenboden. Donald Run­nicles backt musikalisch auch gerne kleine Brötchen – zum Beispiel als Klavierpartner seiner Instrumentalisten in Kammerkonzerten. Denn auch da gilt für ihn, den erklärten Teamworker: „Meine Macht ist die der Musik, und deren Macht ist die der Überzeugungskraft.“

Text: Manuel Brug

Foto: John Wood / BBC

Lohengrin Deutsche Oper, 15., 22.4., 17 Uhr, 19., 25., 28.4., 18 Uhr, Karten-Tel. 34 38 43 43

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