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Doron Rabinovici über das Rechercheprojekt „Die letzten Zeugen“

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Arbeit an der kollektiven Erinnerung: Bühnenszene aus „Die letzten Zeugen“. Foto: Reinhard Werner / Burgtheater Wien

Er lebt seit seiner Kindheit in Wien. Rabinovicis Romane „Ohnehin“ (2004) und „Andernorts“ (2010) sind im Suhrkamp Verlag erschienen. 2000 organisierte er gegen die Regierungsbeteiligung der rechten FPÖ eine Großdemonstration in Wien. Er engagiert sich gegen Antisemitismus, Rassismus, Homophobie und Rechtspopulismus. Wir sprachen mit Rabinovici über das Rechercheprojekt „Die letzten Zeugen“, ?in dem Holocaust-Überlebende von ihren Erinnerungen berichten.

„Die letzten Zeugen“ dürfte eine der ungewöhnlichsten Produktionen in der Geschichte des Theatertreffens sein – und das nicht nur, weil der Regisseur Matthias Hartmann ein paar Monate nach der Premiere der Produktion wegen abenteuerlicher Misswirtschaft als Intendant des Wiener Burgtheaters fristlos gekündigt wurde.

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Für das Rechercheprojekt hat der Historiker Doron Rabinovici sieben hochbetagte Wiener Holocaust-Überlebende befragt: Lucia Heilman, Vilma Neuwirth, Suzanne-Lucienne Rabinovici, Marko Feingold, Rudolf Gelbard, Ari Rath sowie den inzwischen verstorbenen Roma Ceija Stojka. Die so entstandene Text-Montage wird so nüchtern wie bewegend von vier Burgschauspielern zu Gehör gebracht, die Zeitzeugen hören auf der Bühne sitzend ihren eigenen, traumatischen Lebensgeschichten zu. Ihre individuellen Erinnerungen fügen sich zu einem detailgenauen, grausam-anschaulichen Bild des nationalsozialistischen Völkermords.

Herr Rabinovici, in „Die letzten Zeugen“ sitzen sechs Überlebende des Holocaust im Alter zwischen 82 und 100 Jahren auf der Bühne. War die Zeit erst jetzt reif für so ein Projekt?
Vor 20 oder 30 Jahren hätten die Zeugen den Abend selbst in die Hand genommen. In 20 oder 30 Jahren werden sie nicht mehr bei uns sein. Was wir jetzt erleben, ist der Staffellauf der Erinnerung. Die Übergabe. Das wird auch dadurch deutlich, dass die Zeugen hinter durchsichtigen Vorhängen sitzen, auf die ihre Gesichter oder historische Fotos projiziert werden. Es wird klar, dass es eine Distanz gibt, dass die Geschichten nicht den Schauspielern gehören. Umso stärker ist der Moment, wenn die Überlebenden selbst nach vorne treten und das Wort ergreifen.

Rabinovici_Doron_c_Reinhard-Werner_Gab es Diskussionen über die Form des Abends?
Natürlich haben wir uns gründlich überlegt, welches Foto infrage kommt, welches nicht. Womit verfällt man der Faszination der Vernichtung des Faschismus? Das Buch „Kitsch und Tod“ des Holocaust-Forschers Saul Friedländer hat diese Fragen früh behandelt. Der Gefahr waren wir uns bewusst. Aber ich glaube, wir haben sie gut umschifft. Durch die moderierten Gespräche mit den Zeugen im zweiten Teil erfährt der Abend eine politische Zuspitzung. Mir war es wichtig, dass die Überlebenden nicht zu Statisten der eige-nen Biografie werden. Sie lenken die Diskussion oft von sich aus auf die österreichische Gegenwart. Immerhin reden wir von dem Land, in dem die FPÖ rassistische Hetze betreibt und rechte Burschenschafter am 8. Mai auf dem Heldenplatz die Niederlage im Zweiten Weltkrieg betrauern. Wien ist ein besonderes Pflaster. Hier wütete der antisemitische Mob wie zuvor nicht mal in Deutschland.

Die Wiener Presse hat ausgesprochen positiv auf die Aufführung reagiert. Die Vorstellungen im Burgtheater sind durchweg ausverkauft. Hat Sie diese enorme Resonanz überrascht?
Vollkommen. Nicht nur mich, auch die Überlebenden. Die dachten, die Premiere würde vielleicht voll sein. Womöglich noch die Vorstellung im November, zum 75. Jahrestag der Pogrome. Nun hatten wir in neun Vorstellungen fast 12?000 Besucher.

Woher rührt die verspätete Aufarbeitung der eigenen Geschichte in Österreich?

Es gab in Österreich anders als in Deutschland nach 1945 keine Reeducation. Auch keine 68er-Bewegung, die mit den Vätern ins Gericht gegangen wäre. Wer behauptete, Österreich sei das erste Opfer Hitlers gewesen, musste über die Leichenberge hinwegsehen. Die geschichtliche Verantwortung wurde nach Deutschland exportiert. Das hat sich geändert mit dem Ende des Kalten Krieges. Plötzlich interessierte sich die Welt für die Dinge, die in Österreich passierten. Das heißt aber nicht, dass unsere Aufführung im Burgtheater nun auf eine restlos aufgeklärte Gesellschaft stieße.

Wie zeigt sich der Antisemitismus heute?
Es ist schon ein sehr tief verankerter Code. Natürlich ist der Antisemitismus im Gegensatz zu früher tabuisiert. Etwas, wozu man sich nicht im Fernsehen bekennt. Aber nehmen wir mal an, Weihnachten wäre ein jüdisches Fest. Ich bin überzeugt, viele Leute würden sagen: Ungeheuerlich, was da an Bäumen geschlagen wird. Und erst die Pestizide. Dass die Kinder unter diesen vergifteten Bäumen spielen müssen! Und sicherlich würde man sagen, es sei letztlich nur ein Fest des Konsums und des Kapitals. Und das hätte einen anderen Zungenschlag.

Unter den „letzten Zeugen“ ist auch Ihre Mutter, Suzanne-Lucienne Rabinovici. Wann haben Sie von ihrer Geschichte erfahren?
Ich habe relativ früh etwas gewusst. Mehr als durch meine Mutter selbst von der Großmutter, weil die mehr darüber gesprochen hat. Ich merkte, wenn im Fernsehen ein Film lief, in dem jemand leugnete, abstritt, dann kamen schnelle, kurze Sätze. Wie es wirklich war. Aber das blieb im Grauen, im doppelten Sinn des Wortes. Eigentlich hat meine Mutter sich der Erinnerung erst Anfang der 90er-Jahre gestellt, als sie sie niedergeschrieben hat.

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Die Zeitzeugen fordern dazu auf, sich zu erinnern, damit die Geschichte sich nicht wiederholt. Mehr als ein frommer Wunsch?
Die Erinnerungen, die an diesem Abend vorgetragen werden, stören bestimmte politische Kräfte. Der Ruf nach dem Schlussstrich beginnt bereits 1945, schon im Sommer taucht er in den ersten Zeitungen auf. Verges-sen gemacht werden soll aber nicht der Gräuel-taten der Vergangenheit wegen. Sondern wegen der Kontinuität der Machtverhältnisse und der Mechanismen bis ins Heute. Die Erinnerung richtet sich gegen die Ungerechtig-keiten, die fortdauern. Zu erzählen, wie es den Roma ging, stört jene, die heute mobil machen gegen Roma. Dasselbe gilt für den Antisemitismus.

Interview: Patrick Wildermann

Foto: Reinhard Werner (Mitte)

Die letzten Zeugen ?Haus der Berliner Festspiele, ?DI 13.5., 19 Uhr; Mi 14.?+?Do 15.5., 19.30 Uhr, ?Karten-Tel. 25 48 91 00

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