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Dostojewskis “ Verbrechen und Strafe “ bei der Spielzeit’europa Berlin

Verbrechen und Strafe Regie: Andrea BrethInteressanter als die Inszenierungen, die mal zustande kommen und oft eher nicht, sind bei Andrea Breth in letzter Zeit die dazugehörigen und gerne kost­spie­ligen Vorgeschichten. So oder so hält sie den Theaterbetrieb in Atem. Zuletzt im beschaulichen Salzburg, wo ihre jüngste Festspielgroßtat ursprünglich als Koproduktion mit dem Schauspielhaus Zürich angekündigt war. Man musste das wohl als tollkühne Willensbekundung von Matthias Hartmann begreifen, der Regisseurin auch künftig an der Wiener Burg, die Hartmann von 2009 an leiten wird, Asyl zu gewähren. Dort nämlich hat die Breth-Familie seit ihrer Schaubühnen-Emigration ein warmes Plätzchen gefunden. Das Wohlwollen des noch amtierenden Burgtheater-Intendanten Bachler indes hat Breth endgültig verspielt, nachdem sie mehrere Inszenierungen platzen ließ.

Und auch Matthias Hartmann scheint sich seiner Sache nicht mehr sicher gewesen zu sein, weshalb Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“ schließlich als Eigenproduktion der Festspiele he­rauskam. Dort knüpft sie, der hohen Kosten wegen, spontan an eine Tradition an, mit der das Salzburger Schauspielprogramm eigentlich längst gebrochen hat: die Wiederaufnahme-Premiere. Aber auch, wenn die Aufführung nun im Sommer 2009 noch einmal in Salzburg gezeigt wird, kann sie die Einladung nach Berlin zur Spielzeit’europa nur zu gut brauchen.
In Salzburg allerdings hatte Breth gleich ihren nächsten Vorgesetzten düpiert. Weil sie auf die Bühnenfassung, die man bei dem bulgarischen Schriftsteller Dimi­trй Dinev in Auftrag gegeben hatte, genauso verzichtete wie leider auch auf die Dienste eines Drama­turgen, brachte sie den Salzburger Schauspielchef Thomas Oberender in arge Verlegenheit. Denn damit wurde Dinev, der in Salzburg prunkvoll als „Dichter zu Gast“ residierte, deklassiert. Andrea Breths Inszenierung in ihrer eigenen Fassung, die auf Swetlana Geiers Neuübersetzung des Romans beruht, wirkt nun, als habe sich die Regisseurin nach einer langen Tarkowskij-Filmnacht den Magen an zu vielen russischen Blinis verdorben und dann sehr schlecht geträumt. Und weil Träume nun mal unlogisch sind, pfeift Frau Breth auf jede Handlungskausalität und zeigt im schweren Goldrahmen ihrer Spätphase lauter opulente surreale Tableaus, die an gebildeten Referenzen nicht weniger zu wünschen übrig lassen als an mystischem Kitsch. Und auch vor den offenen Geheimnissen der Vulgärpsychologie nicht zurückscheuen.Verbrechen und Strafe

Elisabeth Orth ist doppelt besetzt und spielt sowohl Raskolnikows Mutter als auch die alte Pfandleiherin, die der Bummelstudent meuchelt und damit einen supersymbolischen Muttermord begeht. Da ist es zum offenen Inzest nicht mehr weit. Aber wenn Raskolnikow seine Schwes­ter vergewaltigt, ist auch das wahrscheinlich nur geträumt. So genau weiß man das nicht – wie so vieles an diesem hochdeliranten Fünfstünder, der sich komplett privat an Dostojewski als einem Gleichgesinnten berauscht. Und doch wähnt, per Kniefall auf Augenhöhe mit dem Text zu kommen. In der zweiten Hälfte sind die kunsthistorischen Ambitionen des ersten Durchgangs rasch vergessen, und es wird nur noch weit und breit Theater gespielt, und das ist vor allem bei Udo Samels unerschrockener Onkelhaftigkeit fast noch peinsamer als die Prätention der ganzen schwerblü­tigen Veranstaltung. Da bemüht sich Jens Harzer vergeblich, seinen Raskolnikow auratisch zu verklären; schließlich sympathisiert die Regisseurin unverhohlen mit dem von Dostojewski herbeigeredeten und von Harzer bis zum letzten Manierismus verteidigten heroischen Nihilismus dieses verspulten Sinnsuchers.

Wenn Genies unter sich sind, stört der Zuschauer eher, und o wird in Breths hermetischem Dos­tojewski-Privatissimum Ras­kolnikows späte Läuterung im sibirischen Straflager einfach mal unterschlagen. Dabei könnte es durchaus sein, dass der Autor in seinem ungut theaterhaften Kolportage-Roman ohnehin schon sei­ne liebe Mühe hatte, das Verbrechen irgendwie zu erklären. Bei Andrea Breth dagegen muss man künftig wohl mit dem Äußersten rechnen. Vorerst erspart ihr das Theater die Axt, mit der Raskolnikow seinen Mord begeht. Ihre Inszenierung ist trotzdem eine Art Amoklauf – brethgemäß ein äußerst kultivierter.

Text: Christopher Schmidt

Fotos: Bernd Uhlig

Verbrechen und Strafe
Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, Wilmersdorf
Do 11. bis Sa 13.12., 18 Uhr,
So 14.12., 17 Uhr
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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