• Kultur
  • „Drei Schwestern“ am Berliner Ensemble

Kultur

„Drei Schwestern“ am Berliner Ensemble

„Wenn es schon keinen Tee gibt, wollen wir dann nicht wenigstens philosophieren?“, fragt die naive Irina (Karla Sengteller), die jüngste der drei Schwestern, die Teegesellschaft im Salon. Philosophieren heißt hier meist: folgenloses Schwadronieren. Über Voltaire parliert man und gesteht frei ein, nie auch nur einen Satz von ihm gelesen zu haben. Die Hausbewohner (samt Bruder und Schwägerin der Schwestern und allerlei Soldaten auf Antrittsbesuch) heulen mal wie ein Rudel Wölfe und lassen sich dann minutenlang von einem Brummkreisel bannen. „Cognac, meine Herren!“ Putz bröckelt von der Decke in den Salon mit den hohen Fensterbögen (detailrealistische Bühne: Lothar Holler), Schnee stöbert hinein, sogar der Kronleuchter blinkt mal zur Russendisko – aber im Haus der Schwestern passiert kein Aufbruch mehr. Auch wenn sie Mantra-artig „Moskau!“ schluchzen, in das sie ihre Hoffnungen und Träume projizieren.
Anton Tschechow selbst soll ja angeblich bei den Leseproben zur Uraufführung (Stanislawski inszenierte 1901) darauf bestanden haben, er habe doch ein heiteres Stück geschrieben. Regisseur Leander Haußmann geht dieser Anekdote etwas zu sehr auf den Leim – besonders in den ersten beiden Akten vor der Pause in seiner insgesamt dreieinhalb stündigen Inszenierung: Da wedelt das Zimmermädchen zwei Spuren zu boulevardesk den Staub vom antiken Plundermobiliar und es wird auch munter auf dem Bildnis des Vaters gevögelt, nur um sogleich vorzuschützen, man habe das Porträt ja bloß entstauben wollen. So entstaubt man die BE-Bretter nicht gerade.
Nach der Pause wird dem Publikum bewusstgemacht: Es hat gebrannt im Stück während man im BE Brezeln aß. Der Kronleuchter ging zu Boden. Nebel. Im letzten Akt hört man die Soldaten im Off aus dem Städtchen marschieren. Tristes Akkordeon. Nachdem die drei Schwestern im übertheatralen Gegenlicht der Bühne entschreiten, sehen wir sie auf einer rotgefärbten Projektion weiterhin zu dritt auf ihrem Karussel. Und man versteht: Diese Charaktere sind nicht weltbewegend, sondern kreisen ambitionslos, ohne Ziel. Wie Leander Haußmann diesmal leider.  

 

Text: Stefan Hochgesand

Foto: Lucie Jansch

Berliner Ensemble Mo 4.1., Do 14.1., Mi 20.1., 19.30 Uhr, ?Karten-Tel.: 284 08-155

Mehr über Cookies erfahren