Klassiker

„Drei Schwestern“ am Deutschen Theater

Tschechow garantiert ohne Seufzer und Samowar: Karin Henkel inszeniert „Drei Schwestern“

DT

Karin Henkel hat am Deutschen Theater einen Klassiker, Tschechows gerne in Sentiment-Watte gepackten „Drei Schwestern“, einer so radikalen wie genauen Neulektüre unterzogen. Ihr gelingt damit eine Aufführung, die die besten Möglichkeiten des Ensemble­theaters zeigt: starke Schauspieler, ein kluger Umgang mit literarischen Stoffen, markante Regiehandschrift und das Vertrauen darauf, dass das Publikum bereit ist, auch kompliziertere Wege mitzugehen.

Henkels Umgang mit Tschechows wehmütigen Schwestern aus der russischen Provinz wirkt zunächst rabiat. Gespielt werden sie von drei Darstellern, gerne in Halbmasken und hart am Rand der Travestie-Klamotte (Bernd Moss, Michael Goldberg, Benjamin Lillie). Auch die verwinkelte Bühne mit dem 1970er-Mobiliar (Bühne: Nina von Mechow) neigt zu Scherzen und kippt gerne mal unmotiviert in die Schräglage. Strafverschärfend gibt Felix Goeser in Personalunion den armen Andrej, den Bruder der drei Schwestern, als Trottel – und dessen herrschsüchtige Gattin Natascha als Hausdrachen. Subtil geht anders, aber in der Haudrauf-Groteske kommen immerhin keine Tschechow-Seufzer auf.

Dafür, dass es nicht beim blanken Hohn bleibt, ist ein rätselhafter Fremdkörper zuständig: Die wundersame Angela Winkler geistert als alt gewordene Irina durch den Abend. Die jüngste der drei Schwestern ist die einzige, die kurz auf so etwas wie ein kleines Glück und die Chance, der Provinz-Tristesse zu entkommen, hoffen konnte. Aber dann ist sie eigensinnig genug, die Liebesschwüre ihres Verehrers Tusenbach nicht zu erhören, Tusenbach erschießt sich. Den Rest ihres Lebens wird Irina als eine Übriggebliebene, die nur aus Langeweile am Leben bleibt, ihre Tage verbringen – immer noch besser, als vor lauter Illusionslosigkeit den falschen Mann zu heiraten. Angela Winkler ist eine Wehmut- und Sehnsuchtsspezialistin, nichts könnte dieser erstaunlichen Schauspielerin fremder sein als die handelsübliche Theater-Ironie. Immer scheint sie leise vor Glück zu strahlen als würde sie garantiert keinen Wert darauf legen, in einer entzauberten Realität anzukommen. Ihre Auftritte rahmen den Abend. Was wir sehen, sind die Erinnerungen der alten Frau, die sich weigert, ihre Mädchenhaftigkeit gegen erwachsenen Wirklichkeitssinn einzutauschen. Bei jeder anderen Schauspielerin wäre das purer Kitsch, bei Angela Winkler formuliert es eine ­Wahrheit.

Deutsches Theater Schumannstr. 13a, Mitte, Do 6.12., So 16.12., Do 27.12., 19 Uhr, Karten 12 – 48 €

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