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Du bist Berlin: Stefan Kaminski – Der Stimmgewaltige

Kaminski-„Hallo Neukölln!!!“ Wie ein Rockstar begrüßt Stefan Kaminski das Publikum der Neuköllner Oper zum ersten Abend seiner „Dreidimensionalen-Live-Hörspiel“-Version von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, dem „Rheingold“. Es funktioniert. Draußen, in der kleinen Passage, die von der Karl-Marx-Straße zum Eingang der Neuköllner Oper führt, hängt ein gigantischer Ring. Drinnen ist ausverkauftes Haus, die Leute sind enthusiastisch und Kaminski gibt alles. Kaum leuchtet die berüchtigte Studiolampe „On Air“ über der Bühne auf, spricht und singt er in allen verfügbaren Tonlagen, macht Lärm mit ungewöhnlichen Requisiten („Meine Requis sind mir heilig“), keucht, stöhnt, wimmert, brüllt, flüstert und rappt. Ja, sogar das. Loge, der Gott des Feuers und der List, die ultimative Tricksterfigur, ist bei Kaminski ein Rapper, ein Mann, der alle Straßen kennt. Mit einem brennenden Zündholz als ironischem Erkennungsmerkmal.

„Ich möchte Wagners Sprache förmlich kauen“, sagt Kaminski, um das Körperliche, aber auch das ungeheuer Respektvolle seiner Performance zu unterstreichen. Wagner-Parodien gibt es wie Sand am Meer. Meistens mit mäßigem Erfolg, dem Original kaum gewachsen. Bei Kaminski ist das anders, weil seine Intention eben eine völlig andere ist. Er verleiht der Oper ein neues, ziemlich agiles Leben und vermittelt nebenbei auch einiges von ihrer Großartigkeit. Knapp 80 Minuten spielt Kaminski nicht einfach, nein, er wird quasi zu Richard Wagners „Rheingold“. Mit vollem Körpereinsatz. Es lohnt sich. Das Publikum feiert ihn und seine, wie er selber sagt, Band – an diesem Abend besteht sie aus Hella von Ploetz an der Glasharfe und Sebastian Hilken, Bass und Percussion –, wie es sich für Rockstars gehört. „Danke, Neukölln.“

Außer Wagner mag Kaminski vor allem Heavy Metal. Das von ihm in Eigenregie erfundene Performance-Format „Kaminski on Air“ ist auch die Geschichte privater Vorlieben. Die Bühne wird die Verlängerung seines Kinderzimmers, seiner Jugend in der DDR. Geboren ist Stefan Kaminski 1974 in Dresden, Sohn des bekannten BE-Schauspielers Roman Kaminski. Nach der Trennung der Eltern zog er mit seiner Mutter 1976 nach Ostberlin. „Ich habe als Kind die Hörspielplatten unheimlich gerne gemocht, Kinder- und Märchenplatten, meistens von unseren großen Theaterschauspielern gesprochen.“ Er sagt „unsere“ und meint damit zweifellos die auch im internationalen Maßstab nicht unbedeutende Theatertradition der DDR. Ein leicht nostalgischer Zug, aber auch ein hübsches Sprachdetail. Wenn Stefan Kaminski von Privatem erzählt, kann man einen leichten Ostberliner Akzent heraushören. Sprachliche Eigentümlichkeiten, Stimmlagen, Dialekte faszinieren ihn, sie sind nicht umsonst ein wesentlicher Bestandteil seiner Shows. „Stimmen-Morphen“ nennt er seine Technik.

„Irgendwann habe ich angefangen, Hörspiele auf dem Schulhof nachzuerzählen. Ich konnte die Sketche von Otto und Loriot auswendig und hab’ dabei schon automatisch mit verschiedenen Stimmfärbungen gearbeitet. Ich habe natürlich viel Radio gehört, „dt64, später „Fritz“. Nach der Wende hatte ich dann die Möglichkeit, mir Kassettenrekorder und Mikrofon zu kaufen und damit mehrspurige Aufnahmen zu machen. Ich konnte Interviews mit mir selber machen, Geschichten erzählen, Radioformate nachstellen.“ Folgerichtig landete er beim Radio als Sprecher und Hörspielautor. Die Hörspielsendung für Kinder „Zappelduster“, bei der er 1996 begann, gibt es mit und von ihm bis heute.

Stefan Kaminski ist aber auch ausgebildeter Schauspieler. Von 2003–2007 war er festes Ensemblemitglied am Deutschen Theater. Während der Zeit ist das „Kaminski on Air“-Format entstanden. Der „Ring“ war in den DT-Kammerspielen 2008/09 zu sehen, wie auch sein neuestes Stück „Es kam von oben.“ In der Schauspielschule und am Theater habe seine Stimme einen Körper bekommen, sagt er. Es gab aber einen großen Haken. „Beim Theater ist man irgendwie in einer Warteschleife und wartet auf schöne Chancen. Die waren mir auch gegeben, aber ich war nie ich selbst. Mir fehlte der Spaß am Selbererfinden, am Freisein im Grunde.“ Mehr als ein Dutzend Vorstellungen in der Woche, wie er sie am DT gespielt hat, würden ihm kaum die Zeit lassen, eigene Programme zu schreiben und damit auf Tournee zu gehen. Mittlerweile lebt der Ostberliner mit seiner Frau, die aus dem Saarland stammt, und Kind in Friedenau und genießt die Beschaulichkeit des Kiezes – vielleicht als Kontrast zum „On Air“-Leben.

Text: Andreas Hahn

Foto: Oliver Wolff

Der Ring des Nibelungen Neuköllner Oper, 29., 30.7., 20 Uhr, Tel. 68 89 07 77, www.kaminski-on-air.de
 

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