Theater

Edward II. an der Schaubühne

EdwardII_c_Jan_VersweyveldDass die Gesellschaft ein Gefängnis sei, zählt zu den Gemeinplätzen einer naiven Gesellschaftskritik. Wie man damit ein Theaterstück gründlich missverstehen kann, führt jetzt der Regisseur Ivo van Hove an der Schaubühne mit einer kraftmeiernden Inszenierung vor.
Acht schmucke Käfigzellen schmücken die Bühne (Bühne: Jan Versweyfeld). Dahinter toben leider keine Raubtiere, sondern nur Schauspieler, die gerne mal den Oberkörper entblössen oder einander unter der Dusche neckisch mit Wasser bespritzen. Gegeben wird allerdings kein Sozialdrama, sondern „Edward II.“ des Shakespeare-Zeitgenossen Christopher Marlowe, das Historienstück mit Charakterdrama verbindet. Von beidem, der Historie wie der Charakterstudie, bleibt in der Grobmotoriker-Aufführung wenig übrig.

Die Geschichte des jungen Königs Edward (verschwitzt: Stefan Stern), der sich in seinen Günstling, den Aufsteiger Gaveston (Christoph Gawenda) verliebt, darüber alle politische Klugheit vergisst und vom machthungrigen Adel gestürzt wird, enthistorisiert die Regie. Sie banalisiert das Stück zum Gang-Reißer von unter Testosteronüberschuss leidenden Jungmännern im Knast.  Der theaterhistorische Scherz, alle Rollen, auch die der Gattin des Königs, wie im Theater der Shakespearezeit mit Männern zu besetzen, ist wenig erkenntnisstiftend.

EdwardIIDie Regie setzt auf so knallige Effekte, etwa wenn zum Zweck des Erstickungstodes Mithäftlingen gerne mal eine Plastiktüte über den Kopf gezogene wird. Auch die schwule Liebesgeschichte sorgt für die nötige Drastik, wobei man van Hove zugutehalten kann, dass die Schändung des königlichen Lustknaben so schon bei Marlowe steht: Die Adligen foltern ihn, indem sie ihn anal pfählen. Weil die Knackis in ihren Macho-Posen kaum unterscheidbar sind, weil sich van Hove weder für die Feinmechanik sozialer Hierarchien noch für so etwas wie Charakter-Zeichnung interessiert, läuft die Drastik leer, sodass sich die zwei bleischweren Stunden der Aufführung anfühlen wie eine endlose Sicherheitsverwahrung.     

Text: Peter Laudenbach
Fotos: Jan Versweyveld

tip-Bewertung: Uninteressant

Termine: Edward II
Schaubühne, u.a. am 19.-22.1., 20 Uhr, Karten-Tel. 89 00 23

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BÜHNEN-VORSCHAU 2012

 

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