Theater

Ein Gespräch über Aki Kaurismäki

Dimiter-GottscheffGotscheff:?Würde ist ein wichtiges Stichwort für diese Menschen, für den Film und für das, was wir machen.

Finzi:?Sie bewahren ihre Würde, obwohl sie ganz unten sind. Armut ist kein vordergründiges Thema, das ist einfach so. Das ist kein Sozialkitsch.

Koch:?Es gibt wunderbare Interviews von Kaurismäki. Er sagt, die
Männer in seinen Filmen wissen immer nicht, was sie spielen sollen und überhaupt seien sie auch wahnsinnig schüchtern. Also gibt er ihnen Zigaretten in die Hand und lässt sie irgendwohin schauen und vor sich hin schweigen.

tip: Wenn wir hier dauernd über das Schweigen reden, ist leider
ein berühmtes Zitat unvermeidlich. Heiner Müller hat Ihnen, Herr Gotscheff, nachdem er Ihre „Philoktet“-Inszenierung in Sofia gesehen hatte, 1983, vor fast dreißig Jahren, einen Brief geschrieben, der dann in seiner Werkausgabe veröffentlicht wurde. Der Schlusssatz ist einer dieser in Stein gehauenen Müller-Sätze, die kurz und hart das Theater zu Ende denken: „Wenn die Diskotheken verlassen und die Akademien
verödet sind, wird das Schweigen des Theaters wieder gehört werden ist, das der Grund seiner Sprache ist.“ Ist das die Verbindung zwischen Ihrem Theater und Kaurismäkis Filmen?

Gotscheff:?Diesen Satz von Müller trage ich seitdem wie einen Buckel mit mir. Was soll ich dazu sagen? Das ist kein Programm. Für mich ist diese Lakonie von Kaurismäki Material für Theater. Ich komme aus Bulgarien. Mit meiner Agrarkultur begegne ich  Kaurismäki wie einem Verwandten. Wir kommen beide von den Rändern Europas. Diese Ränder schweigen immer noch, ob das die Ränder in einer Siedlung bei Helsinki sind oder auf dem Balkan.

tip: Kaurismäkis Film erzählt von einem Mann, der nach Helsinki kommt. Er wird überfallen und zusammengeschlagen. Als er wieder zu sich kommt, hat er keinen Ausweis, kein Geld und keine Erinnerungen mehr. Er weiß nicht, wer er ist und wo er herkommt, ein Niemand, der in einer Obdachlosensiedlung in irgendeiner Stadtrand-Ödnis landet.

Gotscheff:?Es ist großartig, wie ihm die anderen wieder alles beibringen, das Alphabet des Lebens: das Essen, die Sehnsucht, die Liebe.

Wolfram KochKoch:?Dieser Mensch entdeckt die Welt neu. Das sind archaische Momente. Er fängt an, in dieser Ödnis Kartoffeln anzupflanzen, er treibt Ackerbau. Er ist der einzige, der kämpft, er geht zum Arbeitsamt, um aus dieser Situation rauszukommen. Er ist ein Fremder in dieser Welt. Aufgrund seines Gedächtnisverlustes ist er auf sich selbst zurückgeworfen.

tip: Aus dem Kleiderlager der Heilsarmee bekommt er einen altmodischen Anzug, mit dem er dann wie ein Fremdkörper durch diese Obdachlosen-Welt läuft.

Koch: Dieser Mensch hat eine große Unschuld, eine kindliche Naivität. Sehr schön sind auch die Regieanweisungen im Drehbuch. Als sich das Liebespaar näherkommt, schreibt Kaurismäki im Drehbuch: „Schamvoll dreht die Kamera sich weg und filmt die Kräne des Hafens.“

Zilcher: Einmal schreibt er: „Im Hitchcock- Stil muss die Kamera draußen bleiben.“

tip: Das hat etwas Keusches: Intime Momente werden aus Respekt nicht gezeigt. „Sex und Gewalt überlasse ich den Amateuren in Hollywood“, hat Kaurismäki einmal gesagt.

Gotscheff:?Das Wort „keusch“ mag ich nicht. Aber was stimmt,
ist, dass es Kaurismäki nicht um Effekte geht, sondern um die Substanz, um die Essenz. Wir verwenden viele Regieanweisungen aus Kaurismäkis Drehbuch. Die werden auf der Bühne gesprochen.

Koch:?Seine Beschreibungen im Drehbuch sind toll, lakonisch und
verdreht. Einmal schreibt er: „50 Meter entfernt von dieser Idylle liegt ein Mann der Strände im Sterben, nachdem er Frostschutzmittel getrunken hat, das seine giftigen Eigenschaften selbst nach einem Filtervorgang mit einem Stück Brot nicht verloren hat….“ Das muss man erst mal schreiben. Oder diese Stelle: „Szenenwechsel. Stadtleben. Die Musik übertönt alles. Wir sehen Menschen in Toreinfahrten, am Fuß von
Statuen, in Autowracks, im Schatten der Bäume. Familien unter Brücken, Einwanderer ohne Abendessen und einen Studenten der technischen Fakultät, der hinter dem Großmarkt zu Hackfleisch geschlagen wird.“

Finzi:?Nach dem Überfall kommt der zusammengeschlagene Mann ins Krankenhaus, wir sehen sein bandagiertes Gesicht. Kaurismäki schreibt im Drehbuch den schönen Satz: „Die Ähnlichkeit mit den Mumienfiguren aus der Stummfilmzeit ist frappant.“

Almut-ZilcherZilcher:?Sein Film ist voll von Referenzen an das alte Kino: Hitchcock, Ozu, Bresson.

tip: Der Film hat in seiner langsamen Erzählweise etwas dezidiert Altmodisches: Kino vor der Erfindung digitaler Bildbearbeitung und computergenerierter Effekte. Der Film von 2003 sieht aus, als wäre er von 1958. Die  Erzählweise passt zu den Menschen, die in den Containern am Stadtrand leben, eine vormoderne Welt.

Koch:?Der Anfang ist wie aus einem Western: Der Fremde kommt in die Stadt.

tip: Die schweigsamen Menschen hören viel Musik in diesem Film, als würde die Musik ihre Gefühle ausdrücken, während sie stoisch zuhören. Es gibt eine Jukebox und eine Band, die altmodischen Rhythm and Blues spielt…

Zilcher:?In einem Interview sagt Kaurismäki, dass finnische Männer immer nur rauchen, schweigen und trinken. Die einzige Möglichkeit der Frauen, ihnen näherzukommen, ist der Tango.

tip: Spielt Musik in Ihrer Inszenierung eine ähnlich wichtige Rolle?

Gotscheff:?Wir haben eine Band. Aber wie gesagt, wir spielen den Film nicht nach. Wir verwenden das Drehbuch wie Dichtung für das Theater.

Interview: Peter Laudenbach

Fotos: David von Becker

Der Mann ohne Vergangenheit
Deutsches Theater, 17.+18.12., 19.30 Uhr

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