Theater

Ein Gespräch über Aki Kaurismäki

Dimitir Gotscheff, Almut Zilcher, Wolfram Koch, Samuel FinziWir haben den Regisseur und drei seiner Schauspieler – Almut Zilcher, Wolfram Koch und Samuel Finzi – vor der Premiere getroffen.

tip: Der Tagesspiegel hat über Kaurismäkis Film „Der Mann ohne Vergangenheit“, den Sie in einer Bühnenfassung am Deutschen Theater inszenieren, sehr lyrisch geschrieben: „Ein Film, der sein Publikum entführt, bewegt und streichelt.“ Stimmen Sie zu?

Dimiter Gotscheff: Mehr habe ich zu Kaurismäkis Film auch nicht zu sagen. Eigentlich könnten wir jetzt aufhören mit diesem Interview und schweigen.

tip: Ein Interview, das aus Schweigen besteht, wäre eine schöne Hommage für Kaurismäki. Die Menschen in seinen Filmen bleiben auch am liebsten stumm und sagen nur das Allernötigste.

Gotscheff: Schweigen mit Kaurismäki. Kennen Sie die Geschichte, wie sich Kaurismäki und Heiner Müller getroffen haben? Kaurismäki wollte unbedingt Heiner Müller kennenlernen. Müller war bei einem Gastspiel in Helsinki. Er verabredet sich mit Kaurismäki und wartet in Kaurismäkis Stammkneipe auf ihn. Die Kneipe hat den schönen Namen „Arbeit.“

Wolfram Koch: Wenn man länger in der Kneipe hängen bleibt, hat man eine gute Ausrede: Die Arbeit ging heute länger.

Gotscheff:?Müller wartet da auf Kaurismäki, trinkt Whisky und raucht. Eine Stunde. Zwei Stunden. Müller wartet weiter und raucht. Irgendwann kommt Kaurismäki und setzt sich neben Müller auf den Barhocker. Schweigen. Nach drei Minuten legt Kaurismäki seinen Kopf auf Müllers Schulter. Müller sagt: „Mmmh…“ Schweigen. Das war die Begegnung zwischen Müller und Kaurismäki.

tip: Vor Kurzem haben Sie an der Volksbühne frei nach Godards Film „Die Chinesin“ einen Abend inszeniert, der eigentlich keine Nacherzählung seines Film war, sondern ein ziemlich radikales Nachdenken über Godards Ästhetik und seine Kritik des Kinos. Jetzt beschäftigen Sie sich mit einem anderen Film, Aki Kaurismäkis „Der Mann ohne Vergangenheit“ von 2003. Was inte­ressiert Sie daran?

Gotscheff: Ich habe vor den Proben gesagt, dass ich die Schnauze voll habe von Kapitalismuskritik. Auch wenn es natürlich manchmal auch eine intelligente Kapitalismuskritik im Theater gibt. Die Jelinek-Texte und was der Stemann damit gemacht hat, finde ich großartig. Wir haben auch einiges in diese Richtung gemacht, „Titus“ von Heiner Müller zum Beispiel. Es schmerzt mich immer noch, dass das so untergegangen ist. Ich gehe auf die 70 zu. Es gibt andere Räume für mich als Kapitalismuskritik. Warum soll man im Theater nicht Gesänge und Märchen machen, auch wenn sie vielleicht nicht in diese Welt passen? Wir haben mit dem Stück „Pulverfass“ vor einigen Jahren unsere Balkangesänge gemacht. Das sind jetzt Kaurismäkis finnische Gesänge. Mich fasziniert die Substanz von Kaurismäki, seine Radikalität, seine Zartheit, sein ungeheurer Witz, seine Lakonie.

tip: Frau Zilcher, Herr Koch, Sie spielen die Hauptrollen, zwei etwas verlorene Menschen, die sich ziemlich wortkarg ineinander verlieben. Herr Finzi, Sie spielen mehrere Figuren…

Samuel FinziSamuel Finzi: … auch solche, die bei Kaurismäki gar nicht vorkommen.

tip: Wie geht es Ihnen damit, die Figuren aus Kaurismäkis Film zu spielen? Denken Sie bei den Proben an Kaurismäkis Schauspieler, an die wunderbare Kati Outinen und an Markku Peltola, den größten Kino-Stoiker seit Robert Mitchum?

Koch:?Das Problem ist ja, diesen tollen Film bei den Proben zu vergessen. Das hat bei mir lange gedauert. Diese Bilder sind sehr präsent. Das auf der Bühne zu verdoppeln, wäre nur langweilig und sinnlos. Wir müssen eine Bühnen-Lakonie hinkriegen. Das ist etwas anderes als Kaurismäkis Kino-Lakonie.

Almut Zilcher: Es kommt mir vor wie eine Übersetzungsarbeit von einer Sprache in eine andere, und beide versteht man am Anfang nicht so richtig.

Koch: Wenn das Schweigen im Theater nicht mit innerer Spannung aufgeladen ist, ist es die pure Langeweile. Spannend und schwierig wird es, wenn man Stillstand auf der Bühne zeigen will, wie bei Beckett.

Gotscheff:?Wir haben diesmal auch keine anderen Texte reingenommen. Der Weg zu dieser Lakonie ist die Einfachheit. Es werden keine großen Pirouetten gedreht, um zu einem Inhalt zu kommen. Das ist sehr knapp und direkt. 

Finzi:?Kaurismäki ist in dieser kargen Sprache, nur auf das Notwendige konzentriert, auch nah an Tschechow.

Koch:?Kaurimäkis Figuren sind einfache Menschen, sie leben in Containern irgendwo am Rand der Stadt, sie essen bei der Heilsarmee, sie sind arm. Aber ihre Sprache ist nicht verroht, sie ist präzise und fein.

Zilcher:?Das hat nichts Abgestumpftes, nicht in der Sprache oder der Sprachlosigkeit und nicht in den Gefühlen, wenn sich die beiden verlieben. Sie sind arm, aber sie habe Würde und Selbstachtung.

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