Theater

Ein Gespräch über „Pierrot Lunaire“ im Hau

Bruce_SachsseArnold Schönbergs Melodram „Pierrot Lunaire“ von 1912 ist eine Komposition für eine weibliche Sprechstimme und ein Kammerorchester. Schönberg gruppierte dabei seine Auswahl der spätsymbolistischen Gedichte des Belgiers Giraud in drei thematische Gruppen. In etwa: Sex, Verbrechen und eine sentimentale Heimkehr. Das Stück stammt aus Schönbergs mittlerer Phase, der atonalen (das ist gewissermaßen Free Jazz) und markiert eine Geburtsstunde der Avantgarde. Zugleich steht es aber auch eindeutig in einer komödiantischen, grotesken Tradition. Ein Fall für Bruce LaBruce, der das Stück am HAU mit der Schauspielerin Susanne Sachsse, mit der er schon bei mehreren Performances zusammenarbeitete, und unter der musikalischen Leitung von Premil Petrovic inszeniert.

tip: Mr LaBruce, wie weit ist der Weg von Ihrem Underground-Film „L.A. Zombie“ zu Arnold Schönbergs „Pierrot Lunaire“?

Bruce LaBruce: Das Hebbel Theater kommt mir in der Tat wie ein großer Drachen vor, der erschlagen werden muss. Ich habe noch nie eine Inszenierung für eine richtige Bühne gemacht, jedenfalls nicht auf diese klassische Art und Weise. Ein klassisches Stück auf ­einer klassischen Bühne, das ist eigentlich zu klassisch für mich. (lacht) Daran ist Premil Petrovic schuld, es war seine Idee. Er dachte, Schönbergs „Pierrot Lunaire“ sei ein interessantes Projekt für ihn als Dirigenten, mit ­Susanne Sachsse in der Hauptrolle und mir als Regisseur.

tip: Warum gerade Schönberg?

Premil Petrovic: Als klassisch ausgebildeter Dirigent habe ich immer unter der Rolle der ‚klassischen‘ Musik in der gegenwärtigen Kultur gelitten. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war die klassische Musik noch eine Lebensweise. Die Menschen lebten mit der Musik, in der Kirche etwa. Zu Hause wurde Kammermusik ­gespielt. Die Oper, Wagner und Verdi zum Beispiel, war eine hochpolitische Angelegenheit. Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts verschwindet die ‚klassische‘ Musik aus dem Alltagsleben und wird zu einer Art Museum. Zu einer Sache für Spezialisten. Und dieser Prozess nahm in der Tat mit Schönberg seinen Anfang. Schönberg postulierte klar: Ich werde erst in der Zukunft verstanden werden. In gewisser Weise wollte er von seinen Zeitgenossen gar nicht verstanden werden. Michel Foucault hatte das einmal sehr schön gesagt: „Die Isolation der zeitgenössischen Musik ist von ihr selbst gewollt. Es ist keine Musik, die die Absicht hat, vertraut zu klingen.“

tip: Foucault sagt also, dass das Problem in der Musik selbst liegt; es gibt etwas in ihr, das der Integration widerstrebt. Unser gesamtes Projekt dreht sich um dieses Problem: Wie ist es möglich, die Musik wieder zu einer Lebensweise zu machen? Die Rolle, die die klassische Musik im 18. und 19. Jahrhundert gespielt hatte, ist inzwischen komplett von der Popmusik übernommen worden. Wir ‚leben‘ Popmusik, aber nicht mehr die ‚klassische‘ Musik. Ist es also möglich, Schönbergs Musik zu ­leben, gerade weil sie den Anfang und auch ein Symptom der Trennung von Musik und Alltag markiert?

LaBruce:  Denkst Du denn, man könnte das auch mit Musik des 18. und 19. Jahrhundert ­machen?

Petrovic:  Nein, nein, nein. Ich sprach in diesem Zusammenhang davon, wie es einmal gewesen ist.

Bruce_SachsseLaBruce:  Also ist es tot, wir können es nicht wiederbeleben. Man könnte, was wir machen, nicht mit einem Stück für ein Barockensemble machen?

Petrovic: Paradoxerweise scheint die Barockmusik jetzt wieder in der Lage zu sein, mit unseren Gefühlen zu kommunizieren. Du kannst es am Erfolg von postmodernen Komponisten sehen. Leute wie Michael Nyman oder Philip Glass benutzten Barockmusik, sie machten Fake-Barock. In gewisser Weise ist das natürlich auch Popmusik.

LaBruce:  Ich habe noch dieses Album aus den 60ern, „Bacharach Baroque“, Burt-Bacharach-Songs in Barock-Arrangements. Es ist wirklich großartig.

tip: Wie kommt man denn von Schönbergs Musik zur Frage nach einer Lebensweise?

Petrovic: Als ich genau darüber nachdachte, kam ich ziemlich schnell auf „queer“. Denn „queer“ ist natürlich eine Lebensweise. Und das hat auch direkt mit Schönbergs Stück zu tun. Die Frage: Wer ist eigentlich Pierrot? Was hat er für ein Geschlecht? Ein Mann, dessen Text von einer Frau, in diesem Fall Susanne, gesprochen, gesungen wird.

LaBruce: Die Geschichte, die ich benutze, um das Stück daran aufzuhängen, hat mit Transgender-Identitäten zu tun. Bei Schönberg ist das schließlich schon so eingebaut. Er hat das Stück ja für eine weibliche Stimme in einer männlichen Rolle geschrieben: Eine Frau gibt sich als Mann aus.

Susanne Sachsse: Aber du machst das in der Inszenierung noch etwas komplizierter: eine Schauspielerin, die eine Frau spielt, die einen Mann spielt, der…

LaBruce: Bei mir ist Pierrot eine Art Marlene Dietrich in männlicher Verkleidung, a male drag: eine Frau, die einen Mann spielt, der eine Frau ist, die einen Mann spielt.

tip: Was ist das für eine Geschichte, die Sie vorhin erwähnt haben, auf die Ihre Inszenierung anspielt?

LaBruce: Es ist eine Geschichte, die sich in den 1970ern in Toronto zugetragen haben soll, die mich immer angezogen hat. Ich weiß nicht genau, ob sie wirklich passiert ist oder ob es sich nur um eine „urban legend“ handelt. Es geht um ein Mädchen, das sich als Mann ausgab und eine Freundin hatte. Als deren Vater he­rausfand, dass der Freund seiner Tochter in Wirklichkeit eine Frau ist, verbot er ihr ihn/sie weiter zu sehen. Er/sie trifft sich daraufhin mit jemandem, bringt ihn um, schneidet ihm den Schwanz ab und bindet ihn sich an, um dem Vater zu beweisen, dass er/sie einen echten Schwanz hat.

tip: Und wie hängt diese Story mit Ihrer Inszenierung zusammen?

Sachsse: Ganz wortwörtlich.

LaBruce: Es spielt sich alles in einer Reihe von Vignetten ab, die illustrativ sind und zugleich gewissermaßen symbolisch. Es handelt sich nicht um eine realistische Abbildung, es ist eher eine Burlesque-Version der Geschichte. Sogar Burlesque innerhalb von Burlesque. Einer der Performer ist einer der berühmtesten Pole Dancers der Welt. Er wird an den „Pole Dance“-Weltmeisterschaften in diesem Sommer in Australien teilnehmen, sie versuchen, aus der Sache einen olympischen Sport zu machen. In dem Stück spielt er einen Burlesque-Performer, dessen Show sich Pierrot anschaut. Teil seiner Show ist es, vorzutäuschen, dass er sich den Schwanz abschneidet. Es ist sozusagen ein Spiegel in einem Spiegel in einem Spiegel.

tip: Klingt zunächst vielleicht abwegig, aber die von Schönberg vertonten Gedichte haben tatsächlich Titel wie „Der Dandy“ oder auch „Enthauptung“. „Pierrot Lunaire“ steht ja eindeutig in einer Grand-Guignol-Tradition, ist aber natürlich rein formal ein Melodram. Wie ist die Burlesque-Show darin integriert?

Sachsse: Als Teil des Ganzen. Ich spiele jemanden, der in einen Nachtclub geht, dort einen Performer sieht und darauf reagiert. Ich mochte die Idee sehr, dass Bruce die Sachen sich spiegeln lassen will, anstatt sie direkt zu zeigen.

LaBruce: Transsexuelle sind schließlich Illusionisten. Ihr ganzes Leben ist der Aufgabe gewidmet, die Illusion des Geschlechts herzustellen.

tip: Wir sehen also buchstäblich eine „queere“ Inszenierung von „Pierrot Lunaire“?

LaBruce: In jedweder Hinsicht – very much so. Ganz gleichgültig, ob überdeutlich oder nicht.

Interview: Andreas Hahn

Foto: David von Becker

Pierrot Lunaire HAU 1, 6., 8., 9., 10.3., 19.30 Uhr

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