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Ein Gespräch über Tschechows „Der Kirschgarten“

tip: Sie spielen in großen Film- und Fernsehproduktionen und können sich die Theater, von denen Sie sich engagieren lassen wollen, vermutlich aussuchen. Was macht für Sie den Reiz aus, ausgerechnet in den kleinen Sophiensaelen in einer freien Produktion mit nicht besonders üppigem Etat zu spielen?

Devid Striesow: Der Grund sind die Menschen, die das machen, zum Beispiel die Regisseure Thorsten Lensing und Jan Hein. Mit denen Zeit zu verbringen und zu arbeiten, ist eine Freude. Für mich ist einfach wichtig, mit welchen Leuten ich Theater spiele. Ich mache ja nicht Theater um des Theaters Willen, sondern ich mache hier Theater, um zusammen mit Ursina und Joachim und Aenne Schwarz und Peter Kurth und Lars Rudolph, und wie sie alle heißen, auf der Bühne zu stehen.
Joachim Krуl: In dieser Konstellation hätten wir uns das woanders sicher nicht aussuchen können. Wir hätten ja schlecht zum Deutschen Theater oder zur Schaubühne marschieren und sagen können: Hallo, wir machen jetzt hier zusammen den „Kirschgarten“.

tip: Devid Striesow hat vor drei Jahren in Lensings und Heins schöner „Onkel Wanja“-Inszenierung gespielt, Ursina Lardi war schon vor „Wanja“ bei vielen Projekten der beiden Regisseure dabei. Wie kamen Sie, Herr Krуl, mit Lensing und Hein zusammen?

Krуl: Ich habe vor drei Jahren in den Sophiensaelen mit Freunden die letzte „Onkel Wanja“-Vorstellung gesehen und fand die Aufführung großartig. Ein Freund, Josef Ostendorf, spielte mit, er hatte mir viel von der Arbeit erzählt. Als ich dann nach dem Applaus dasaß, dachte ich, im Grunde suchst du genau so eine Truppe. Es ist für unsereins schwierig, an ein Stadttheater zu gehen. Man ist schwer zu disponieren, Drehtage, Proben und Repertoire-Vorstellungen lassen sich nur mühsam koordinieren. Bei einer freien Produktion, die en suite spielt, ist das wesentlich einfacher. Also, ich dachte, dass ich vielleicht gerne mit denen was machen würde, und als es dann nach der Vorstellung ein Glas Wein gab, kam der Jan Hein auf mich zu und sagte: Wir wollten dich heute auch ansprechen. So kam das. Jetzt ist das zustande gekommen, und ich bin darüber sehr glücklich. Abgesehen von der schönen Zusammenarbeit: Darauf, Tschechow zu spielen, habe ich immer Lust. Das ist Schauspielertheater par exellence.

kirschgarten_3tip: Im Film spielen Sie die großen Rollen, jetzt im „Kirschgarten“ ist es eine skurrile Rand­figur, Herr Epichodov, dem dauernd Missgeschicke passieren …
Krуl: Das ist eine sehr bedeutende Rolle!
Es gibt im Briefwechsel zwischen Tschechow und Stanislawski, dem Regisseur der Uraufführung, einen Streit darüber, ob das Stück komisch oder schwermütig sei. Für Tschechow war es eine Komödie, für Stanislawski und viele andere Tschechow-Regisseure nach ihm ist der „Kirschgarten“ eine melancholische Angelegenheit. Wie ist das bei Ihnen?
Ursina Lardi: Ich kann diese Debatte nicht verstehen, ich finde das Stück absolut  komisch!

tip: Ihre Figur, die bankrotte Gutsbesitzerin Ranjewskaja, hat ein totes Kind. Sie ist etwas verträumt und weltfremd, sie kann nicht mit Geld umgehen und verliert so ihr Landgut. Das klingt erst mal nicht besonders heiter.

Lardi: Aber die Situationen sind lustig. Finden Sie die Ranjewskaja weltfremd und verträumt? Wir arbeiten eigentlich genau daran, ohne solche Festlegungen und Festschreibungen auszukommen.
Krуl: Vielleicht kann ich das erklären. Ich habe in einigen Akten viel freie Zeit. Dann schleiche ich mich in den Zuschauerraum und gucke zu. Es gibt einen Moment zwischen den beiden, zwischen Ranjewskaja und Lopachin …

tip: … dem Aufsteiger und Kaufmann, den Devid Striesow spielt. Er wird das Gut kaufen, das Ranjewskaja durchgebracht hat.
Krуl: Genau. Er ist der Sohn von armen Bauern und kennt die reiche Ranjewskaja seit seiner Kindheit. So, und in dieser langen Szene, die ich bestimmt schon 15, 20 Mal gesehen habe, frage ich mich beim Zusehen jedes Mal, wie groß ist die nicht ausgesprochene Liebe zwischen den beiden? Wie weit geht das? Und was lassen die beiden Kollegen an diesem Tag, bei diesem Durchlauf an Emotionen zu? Das sind Nuancen mit gewaltiger Wirkung. Das ist für mich beim Zusehen hoch spannend.
Lardi: Und genau das wird bei jeder einzelnen Vorstellung etwas anders sein, einfach weil das lebt und nicht nur abgespult wird.
Striesow: Im Idealfall bin ich am Ende des Abends genauso erstaunt über diese Figur wie das Publikum. Diese nicht ausgesprochene Liebe zum Beispiel zwischen Ranjewskaja und Lopachin ist so spannend, weil denen so viele Verhinderungen dazwischenkommen. Und zur Komik: Tschechows Komik hat immer auch eine tragische Komponente, sonst wäre das ja nur ein flacher Humor. Das ist kein Schwank, bei dem man sich vor Lachen auf die Schenkel haut, es ist eine Komödie. Ich glaube, die tragische Dimension entsteht umso klarer, wenn man das möglichst leicht spielt.
Krуl: Ich bin immer wieder überrascht darüber, wie oberflächlich man eigentlich liest, auch ich selber. Wenn man den „Kirschgarten“ liest, denkt man zuerst: alles traurige Vögel. Von wegen. Wenn ich das Glück habe, so proben zu dürfen wie jetzt, und dann zu erleben, wie diese Texte aufeinander prallen und sich Tschechows Figuren um Kopf und Kragen reden, dann ist das komisch und spannend.
Lardi: So, wie wir das betreiben, kann es nur darum gehen, niemanden auf der Bühne zu schonen, am allerwenigsten sich selbst. Das ist das Bestreben. Es geht nur darum, dass man im Spiel bei sich ist und sich und die anderen wahrnimmt. Es wird nicht im eigentlichen Sinne „inszeniert“, es braucht keine festgefügten Arrangements und schon gar kein hochtrabendes „Konzept“, das Spiel organisiert sich aus sich selbst heraus.
Striesow: Das Spiel entsteht aus den Situationen, aus der besonderen Konstellation der Beteiligten. Das hat auch mit einer Eigenverantwortung jedes Einzelnen zu tun. Ich frage nicht: Wie soll ich’s machen? und bin dann ein Dienstleister, der die Anordnungen der Regie ausführt, so will ich sowieso nicht arbeiten. Sondern wir setzen darauf, dass alle hier das Gleiche wollen: am Ende einen intensiven Abend auf die Bühne bringen.

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