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Ein Interview mit Lucia Jay van Seldeneck vom Heimathafen Neukölln

Lucia Jay van Seldenecktip Das Stück basiert auf einem realen Fall. Was genau ist passiert?
Lucia Jay van Seldeneck Die katholische Gemeinde Sankt Christophorus hier in Neukölln hat am 01. Mai 2014 ein somalisches Ehepaar aufgenommen. Die Abschiebung der beiden zurück in ihr Erstaufnahmeland Italien war angeordnet worden und, wie sich später herausstellte: Die Flugtickets waren schon gebucht. Aber Aliyah und Rooble waren aus Italien geflohen, weil sie dort Obdachlosigkeit, Hunger und Gewalt erlitten hatten. Und als Aliyah von der Abschiebung erfuhr, erlitt sie einen ernsthaften Zusammenbruch. Sie kam in eine psychiatrische Klinik. Der Anwalt sah keine rechtlichen Möglichkeiten mehr, die Abschiebung zu verhindern.

tip Wie seid Ihr auf die Geschichte gestoßen?
Lucia Jay van Seldeneck Die Gemeinde befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Heimathafen. Das Thema ist wichtig. Also haben wir gefragt, ob wir den Fall begleiten dürfen, um ihn zu dokumentieren. Aber zuerst einmal, um zu verstehen, wie ein Kirchenasyl abläuft. Dann habe ich den Fall über neun Monate begleitet.

tip Der Titel ist bewusst doppeldeutig, lässt sich mit „letztem Ausweg“ übersetzen. Die Politik würde die Entscheidung der Abschiebung wahrscheinlich genau so beschreiben wie auch die Gemeinde mit dem Akt des Kirchenasyls…?
Lucia Jay van Seldeneck Mit einem Kirchenasyl stellt die Kirche ein staatliches Urteil in Frage. Das kann nur die Ultima Ratio sein, also nur dann greifen, wenn keine rechtlichen Möglichkeiten mehr existieren. Für den Staat ist die Abschiebung nicht unbedingt eine Ultima Ratio. Das wäre zu viel Empathie. Ein System funktioniert ja anders. Jedem Flüchtling werden bei seiner Erstaufnahme 25 Fragen gestellt und anhand der Antworten wird dann entschieden, ob eine Aufnahme, Duldung etc. in Frage kommt oder eben nicht.

tip Gab es schon vor der Stückentwicklung einen Dialog mit der Kirchengemeinde?
Lucia Jay van Seldeneck Ja, bei einer Veranstaltung zum Thema Asyl hat eine Gruppe von Sankt Christophorus vorgestellt, was ein Kirchenasyl bedeutet.

tip Euer Slogan lautet „Wir sind Volkstheater“, d.h. auch künstlerisch aufzugreifen, was vor der eigenen Haustür passiert?!
Lucia Jay van Seldeneck Ja, natürlich. Denn dort spielen sich ja die Geschichten ab, die uns bewegen und berühren. Und die uns was angehen! Und es ist immer wieder erstaunlich, wie viel sich von den großen Fragen und Themen der Zeit sich vor der Haustür finden lässt!  Und Neukölln eignet sich hervorragend dafür – langweilig wird es hier nicht!

tip Die Kirchengemeinde hat bereits längere Erfahrung mit Asylverfahren.
Lucia Jay van Seldeneck Sankt Christophorus war die erste und lange Zeit einzige katholische Kirche, die Kirchenasyl gibt. Seit fast 20 Jahren jetzt. Und sie hat sozusagen eine 100-prozentige Erfolgsquote. Bisher konnte die Gemeinde in jedem einzelnen der 19 Fälle eine Abschiebung verhindern und ein Bleiberecht erreichen – nachträglich sozusagen.

tip Ihr habt für die Umsetzung einen sehr ungewöhnlichen Ansatz gewählt: eine Live-Graphic-Novel. Was darf man sich darunter vorstellen?
Lucia Jay van Seldeneck Die Bilder ermöglichen einen Zugang zu Aliyahs Welt, die im Kontrast steht zu den Texten der Original-Dokumente. Die Bilder, die Gebärden und die Musik machen es möglich, sich dem Unaussprechlichen anzunähern: ihrer Fluchtgeschichte, ihren Ängsten und Hoffnungen. Die Bilder werden von der Künstlerin Bente Theuvsen live gezeichnet und dabei projiziert. Das heißt, man beobachtet als Zuschauer den Entstehungsprozess mit.

tip Worauf legt Ihr im Stück die Schwerpunkte?
Lucia Jay van Seldeneck Das Stück soll nicht nur Betroffenheit wecken. Denn das würde ja den beiden Menschen dahinter nicht gerecht werden. Es ist vielmehr der Versuch, zu verstehen, welche Systeme greifen. Wie werden die Menschen aufgenommen, die hierher kommen und Schutz suchen. Was läuft falsch, was muss geändert werden? Das System gibt ja die Spielregeln vor – aber es sind trotzdem Menschen dahinter, die sie anwenden und auch auslegen können. Es ist auf keinen Fall ein Stück, das eine Antwort präsentiert, sondern erst einmal die notwendigen Fragen zulässt.

Interview: Ronald Klein

„Ultima Ratio“ ab 17.4. (Premiere) im Heimathafen Neukölln. Weitere Termine: 18.+23.+24.04., 19.30 Uhr

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