Theater

Ein Interview mit Michael Thalheimer

Nachtasyl

tip Herr Thalheimer, Sie inszenieren ein Stück, das in einem Obdachlosenasyl spielt. Die Figuren sind Kriminelle, Arbeitslose, Trinker, Zuhälter, Prostituierte. Was interessiert Sie an Maxim Gorkis „Nachtasyl“?
Michael Thalheimer Das Stück wurde 1903, kurz nach der Uraufführung in Moskau, am Deutschen Theater Berlin aufgeführt, mit einer Star-Besetzung, unter anderem mit Max Reinhardt. Die Inszenierung war ungeheuer erfolgreich. Die Eintrittspreise waren damals an diesem Theater sehr hoch, das Publikum war die Berliner Oberschicht. Die sehen auf der Bühne in über 500 ausverkauften Vorstellungen diese Gestrandeten, das harte Prekariat. Diese Berliner Oberschicht hat sich im Bühnengeschehen wiedererkannt, anders kann man den enormen Erfolg der Inszenierung nicht erklären. Die sind nicht ins Theater gegangen, um sich vor den Elendsfiguren zu schaudern, danach in die Kutsche zu steigen und am Savignyplatz gut zu speisen.

tip Was hat das Publikum der Erstaufführung so fasziniert?
Michael Thalheimer Ich bin überzeugt, dass die Zuschauer die Sinnentleerung ihres eigenen Lebens gesehen haben: Wie gehen wir miteinander um, wie leben wir? Das kann man manchmal besser begreifen, wenn das Theater einem die Möglichkeit bietet, etwas mit Distanz zu betrachten, das an der Oberfläche zunächst mit einem selbst nichts zu tun hat. Interessant ist, dass es in diesem Stück keine Identifikationsfigur gibt, keine zentralen Protagonisten, keinen einzigen Sympathieträger. Das ist ungewöhnlich. Deshalb ist es ein ausgesprochenes Ensemblestück, kein Star-Vehikel.

tip Weshalb ist ein Stück ohne Sympathieträger für Sie spannend?
Michael Thalheimer Spannend ist, dass alle Figuren moralisch hochambivalent sind, das macht das Stück so schwierig und so reizvoll. Luka, der Pilger, predigt Hoffnung, aber alles, was er damit bewirkt, sind ein Mord und ein Selbstmord. Luka, der so menschenfreundlich wirkt, war für Gorki in seinen Briefen eine Hassfigur, weil er Hoffnung sät, wo es keine Hoffnung gibt. So werden Religion und Hoffnung zum Betäubungsmittel, zum Betrug. Eine Frau stirbt auf offener Bühne, vor aller Augen, über zwei Akte, die anderen schauen einfach gleichgültig zu. Das Elend wird nicht romantisiert, die Figuren sind verroht. Das Stück ist frei von Sentimentalität, das wird sogar explizit benannt. Was die Gestrandeten ausdrücklich nicht wollen, ist das etwas herablassende, sentimentale Mitleid. Es war neu, wie Gorki das Prekariat auf die Bühne gebracht hat. In den Briefen der Schauspieler der deutschen Erstaufführung 1903 kann man lesen, dass das für sie faszinierendes, reiches Rollen-Mate-rial war: Endlich können sie sich mit diesen Elendsgestalten auseinandersetzen, das ist schauspielerisch reizvoll. Heute stellen wir uns andere Fragen. Dürfen wir als gut bezahlte Künstler das Elend dieser Menschen für unsere Kunst benutzen oder sind wir in der Gefahr, daraus Elends-Pornografie zu machen, die voyeuristische Bedürfnisse befriedigt?

Michael Thalheimtip Wird der Kunst alles, von Obdachlosen bis zu Flüchtlingen, zum reizvollen Material, das sie begierig aufsaugt?
Michael Thalheimer Absolut, das ist ein großes Dilemma. Ich finde, das Spannende am Theater seit der Antike ist die Behauptung, die Überhöhung. Es geht nicht darum, die Realität im Verhältnis eins zu eins abzubilden, sondern Zeichen, Verdichtungen für sie zu finden. Deshalb interessiert es mich nicht, „echte“ Flüchtlinge oder Obdachlose auf die Bühne zu holen. Wir haben uns ganz bewusst entschieden, in der Vorbereitung nicht zur Recherche in Obdachlosenheime zu gehen. Neulich sagte ein designierter Münchner Intendant, ihm sei gute Sozialarbeit lieber als schlechte Kunst. Für jemanden, der ein Theater und keine Sozialeinrichtung leitet, ist das ein interessanter Satz. Mir als Regisseur ist nicht Sozialarbeit, sondern gutes Theater lieber als schlechtes Theater.

tip Wie gehen Sie bei „Nachtasyl“ mit der Gefahr des Sozialpornos um?
Michael Thalheimer Mit Form, mit Inhalt. Von der Mode, Laien als Alltagsspezialisten ihrer Probleme oder vielleicht auch als Demonstrationsobjekte auf die Bühne zu holen, will ich mich sehr klar absetzen. Für diese Form von Realitätsabbildung ist Theater das falsche Medium, das kann der Dokumentarfilm besser. Natürlich kann man im Theater etwas über Elend erfahren, und sei es über das Elend der eigenen Empathie-Unfähigkeit.

tip Sie haben sich öfter mit Unterschicht-Milieus beschäftigt, Sie haben von Hauptmann „Die Weber“ und „Die Ratten“, von Tolstoi „Die Macht der Finsternis“ inszeniert. Da waren die Figuren wie eingesperrt in einen engen Maulwurfsbau. Setzen Sie diese Reihe mit „Nachtasyl“ fort?
Michael Thalheimer Ich würde eher sagen, dass meine Arbeiten an der Schaubühne, „Macht der Finsternis“, „Tartuffe“ und jetzt „Nachtasyl“, fast eine Trilogie sind. Es geht um ähnliche Themen, in „Tartuffe“ geht es um eine kollabierende Upperclass. In allen drei Stücken sieht man verrohte, brutalisierte, egoistische Menschen. In allen drei Stücken geht es um Religion und darum, wie man sie missbraucht. Bei den Hauptmann-Stücken ist es ein ähnliches Elendsmilieu wie jetzt bei Gorki. Offenbar fühle ich mich als Regisseur von diesen Gestrandeten, Gescheiterten, Verzweifelten angezogen. Sie haben keine andere Chance, als hart ums Überleben zu kämpfen. Das macht sie ungeheuer direkt, ungefiltert, das lässt sie Dinge tun und ausdrücken, die eine bürgerliche Welt, die natürlich genauso egoistisch und rücksichtslos ist, hinter einer höflichen, zivilisierten Fassade kaschiert. Genau deshalb geht uns diese Rohheit und Direktheit, kalt und jenseits aller Mitleidseffekte, sehr viel mehr an, als uns lieb sein kann. Hinter unserer bürgerlichen Fassade hat jeder von uns seine mehr oder weniger schmutzigen Geheimnisse.

tip Offenbar sind Menschen unter extremen Druckverhältnissen für Sie als Regisseur ergiebig?
Michael Thalheimer Ja, das interessiert mich, das zieht mich an, ich gebe es zu. So erfährt man, wie dünn das Eis ist, auf dem wir uns bewegen. Ich bin froh, dass wir uns weitgehend auf zivile Umgangsformen geeinigt haben, aber wahrscheinlich würden zwei, drei Tage kompletter Stromausfall in Berlin genügen, damit von den zivilisatorischen Mindeststandards nicht mehr viel übrig bleibt. Das Animalische, die Rohheit, die Gewalt, das haben wir in uns. Im Theater kann man sehen, wozu wir fähig sind. Auch das ist ein Grund, das Repertoire- und Ensembletheater gegen neoliberale Eventangebote unbedingt zu verteidigen. Wissen Sie, was meine Bäckerin sagte, nachdem sie in der Zeitung gelesen hatte, was in zwei Jahren unter einem neuen Intendanten oder Chefkurator an der Volksbühne stattfinden wird? Sie meinte, was Chris Dercon will, klingt nach „Tanz, Video, Geräusch und Trallala“. Besser kann man es nicht sagen. Ich interessiere mich für Theater, nicht für Geräusche und Trallala.

Text: Peter Laudenbach

Foto oben: Katrin Ribbe

Foto Michael Thalheimer: Arno Declair

Nachtasyl, Schaubühne, Sa 6.6., Mo 8.6.–Mi 10.6., ?Mo 15.6.–Mi 17.6., Di 23.6., 20 Uhr, ?Karten-Tel. 89 00 23

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