Theater

Ein Interview mit Milo Rau

Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs.

tip Herr Rau, wie kann das Theater ohne Voyeurismus und Gratis-Betroffenheit auf die Not der Flüchtlinge reagieren?
Milo Rau Das bürgerliche Theater schmückt sich seit der Aufklärung mit einer vorgeblich universellen Mitleidsästhetik. Aber in Wahrheit reicht der europäische Universalismus gerade mal bis zum Mittelmeer: Aylan, der ertrunkene syrische Junge, mit dem „Mitleid“ beginnt, beschreibt ja tragischerweise nichts anderes als die Beschränktheit unserer Wahrnehmung. In Wahrheit jedoch sind die Toten im Mittelmeer nur das letzte Symptom einer strukturell und global mörderischen Weltwirtschaft, die ganze Weltgegenden in Flüchtlingslager verwandelt. Deshalb spielt „Mitleid“ im Ostkongo: Dort sieht man die Anlässe, die dazu führen, dass die Menschen auf der Flucht ihr Leben riskieren. Ich reise seit zehn Jahren nach Afrika, und es hat mich immer zutiefst betroffen gemacht, dass wir zwar eine globale Wirtschaft, aber keine globale politische Empfindsamkeit haben, die über die europäische Provinz, über Bodrum, Lampedusa oder Calais hinausgeht.

tip Wovon handelt Ihre neue Inszenierung?
Milo Rau Das Stück beginnt mit dem Versuch, auf die aktuelle Wahrnehmung der Flüchtlingskrise mit einer Recherche zu reagieren. Ursina Lardi und ich bereisen die Mittelmeerroute von der Türkei über Griechenland bis an die mazedonische Grenze. Das alles lässt die von Lardi gespielte Figur aber kalt. Sie fragt sich: Was stimmt nicht mit mir? Alle meine Kollegen haben doch diese Gefühle, warum ich nicht? Diese irgendwie antizyklische Empathielosigkeit erklärt sich später am Abend durch eine Traumatisierung: Ursina Lardi schlüpft nach und nach in die Rolle einer NGO-Mitarbeiterin, die die Genozide in Burundi und Ruanda Mitte der 90er und den anschließenden Bürgerkrieg im Ostkongo miterlebt hat. Das sind zum Teil meine eigenen Erlebnisse, zum Teil die Erlebnisse von Entwicklungshelfern, mit denen wir gesprochen haben. Lardi war vergangenen Frühling dabei, als wir im Bürgerkriegsgebiet das „Kongo Tribunal“ gegen die großen Rohstofffirmen vorbereitet haben. Diese Figur kommt in das Räderwerk von Massakern und Rache, von Vertreibungen und Umsiedlungen: Die Genozid-Täter fliehen aus Ruanda in den Kongo, die ruandische Armee rächt sich an ihnen und so weiter. Höhepunkt dieser Reise ist die Beschreibung eines Massakers der ruandischen Armee in einem ostkongolesischen Flüchtlingslager 1996. Die NGO-Mitarbeiterin kommt zu der Überzeugung, dass wir in einer völlig sinnleeren Welt leben: Wer die Maschinengewehre besitzt, hat das Sagen, Punkt. Es geht in „Mitleid“ also um die Dialektik von Mitgefühl und Fatalismus, von ökonomischer Gewalt und dem selektiven europäischen Empathie-Blick.

Milo Rautip Sie schreiben, dass sich heute Politiker und Intellektuelle gerne mit Flüchtlingen inszenieren. Instrumentalisieren auch die Profis des Kulturbetriebs das Elend von Flüchtlingen, um sich selbst und die eigene Arbeit interessant zu machen?
Milo Rau Bei jeder performativen Mode gibt es diese, sagen wir mal, Zweitverwertung ökonomischer Verbrechen. Wer die Vertreibungen europäischen Firmen in Zentralafrika oder Indien überlebt, findet sich in einem Recherche-Stück in Düsseldorf oder Lyon wieder. „Mitleid“ ist deshalb in zentralen Teilen eine spielerische Selbstkritik des engagierten Theaters. An der Seite von Ursina Lardi spielt Consolate Sipйrius, eine Überlebende des burundischen Genozids, die ich bei einer „Antigone“-Inszenierung in Brüssel kennengelernt habe. Sie ist Schauspielerin, aber das komplette Stück hindurch wird sie auf die Zeugenschafts- und Gehilfenrolle festgezurrt, eben die der Dokumentartheater-Refugees. Und die „richtige Rolle“, die mit den tiefen, widersprüchlichen Gefühlen, wird von einer berühmten europäischen Schauspielerin gespielt. Parallel zum Authentizitätskult des Recherchetheaters will ich damit die Ästhetik des Einfühlungstheaters befragen: Was heißt eigentlich Identifikation, was heißt Schauspielerei? Das ist eine aggressive Engführung meiner eigenen Methoden, ich arbeite ja selbst oft in diesem, nun ja, schwierigen Schnittbereich zwischen Betroffenheit und Schauspielerei.

tip Ist die NGO-Mitarbeiterin in Ihrem Stück bei allem Engagement vor allem eine Angehörige des privilegierten Europa?
Milo Rau Die von Lardi verkörperte Frau ist tief widersprüchlich. Einerseits ist sie natürlich Lardi selbst, sie ist also keine stumpfe Luxus-Bitch, sondern verfügt über die emotionalen Kräfte der großen Künstlerin. Gleichzeitig ist sie aber als Figur von tragischer Blindheit für die eigene Verwicklung ins Böse in der Welt. Zum Beispiel ist sie ziemlich narzisstisch und natürlich auch rassistisch, wie die meisten NGO-Leute, die ich kennen gelernt habe. Dieser institutionelle Rassismus ist schlichtweg die Realität. Wie könnte es auch anders sein? Der Großteil der NGO-Gelder fließt in den Komfort, in den Schutz, in die Gehälter der eigenen Mitarbeiter. Für die Arbeit vor Ort oder gar die einheimischen Helfer bleibt nicht mehr viel übrig.

tip Die Menschen in Not dienen der Spendenakquise und der Legitimation im NGO-Business?
Milo Rau Im Ostkongo haben die NGOs, wie auch die UNO-Truppen, ein Interesse daran, dass der Krieg weiter geht, er legitimiert ihre Arbeit und sichert ihre Arbeitsplätze. Der Absatzmarkt dieser NGOs darf natürlich nicht verschwinden, der wird mit immer neuen Mitleidsmoden abgesichert. Gerade waren noch Haiti und Fukushima in, dann war Griechenland das große Thema, jetzt sind es die Flüchtlinge – aber natürlich nur, wenn sie es bis auf EU-Boden geschafft haben und es sich um quasi-europäische Syrer handelt. Für Afrikaner sieht die Sache gleich ganz anders aus.

Milo Rautip Liegt die Zumutung, die uns die Flüchtlinge bescheren, darin, dass sie plötzlich nicht mehr weit weg sterben, sondern sichtbar und direkt an den europäischen Außengrenzen?
Milo Rau Absolut. 2015 war in dieser Hinsicht ein heilsames Jahr, weil der Schleier vor der globalisierten Realität der Massenvertreibungen mal kurz zerrissen ist. Jetzt wurde er wieder schnell zusammengeflickt, mit einer Charity-Welle, die komplett unpolitisch ist. Denn sie fragt nicht nach den Ursachen des Elends, sondern ertränkt diese quasi im narzisstischen Vollgefühl der Instant-Hilfe vor der Haustür. Und gleichzeitig wird hinter den Kulissen in Kooperation mit der Türkei und Nordafrika der Grenzschutz verstärkt, damit die Menschen wieder brav woanders sterben und uns nicht weiter stören.

tip Sie sind Schweizer. Schweizer Unternehmen verdienen massiv am Rohstoffhandel, die Banken machen gute Geschäfte mit Diktatoren. Profitieren Sie davon, dass Sie Staatsbürger eines Landes sind, das einigermaßen moralfrei zu den Profiteuren der globalen Krisen zählt?
Milo Rau Genau so ist es. 80 Prozent des weltweiten Mineralienhandels wird von Schweizer Multis kontrolliert. Zusammen mit der kongolesischen Armee vertreiben sie in Zentralafrika hunderttausende Menschen, um die Mineralien dann im Schnelldurchgang zu extrahieren, ökologisch natürlich völlig rücksichtslos. Das ist ein mehrstufiger Verbrechenszusammenhang, durch alle Industrien hindurch. Die Schweiz ist sicher das extremste Beispiel dessen, was ich den zynischen Humanismus nenne: Denn die Menschen, die in Zentralafrika im Interesse von Schweizer Firmen von ihrem Land vertrieben werden, fotografiert man dann in Flüchtlingslagern vor einer Rot-Kreuz-Fahne – und treibt gleich nochmal Spendengelder ein. Inwiefern ich davon profitiere? Ich sitze im Spiegelsaal des Schlosses Versailles namens „Europa“, wie wir alle.

Interview: Peter Laudenbach

Foto oben: Gianmarco Bresadola

Foto mittig: Thomas Müller

Foto unten: Nina Wolters

Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs, Schaubühne, Sa 16., So 17., Fr 29. Sa 30.1., 20:30 Uhr, Karten-Tel.: 89 00 23

Der Regisseur

Milo Rau, 39, ist einer der profiliertesten Regisseure des politischen Dokumentartheaters. Seine Inszenierung „Hate Radio“ über den Völkermord in Ruanda war 2012 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Im vergangenen Jahr untersuchte er mit dem „Kongo Tribunal“ den Bürgerkrieg im Kongo und die Mitschuld multinationaler Unternehmen, der EU und der Weltbank.

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