Theater

Ein Interview mit Volker Ludwig

Volker Ludwigtip Herr Ludwig, mit welchen Gefühlen haben Sie sich dafür entschieden, Ende kommender Spielzeit, nach 42 Jahren als Grips-Chef, die künstlerische Leitung Ihres Theaters an Stefan Fischer-Fels zu übergeben?
Volker Ludwig Naja, man muss sich daran gewöhnen, dass man älter wird. Wenn sich Leute über eine Rente mit 67 aufregen, weiß ich nicht, weshalb man sich darüber wundern sollte, dass jemand mit 73 daran denkt, ein bisschen weniger zu machen.

tip Sie haben das Grips 1968 gegründet und als Autor und Theaterleiter unverwechselbar geprägt. War es leicht, einen Nachfolger als Künstlerischen Leiter zu finden?
Ludwig Es gab nur sehr wenige mögliche Nachfolger. Der einzige, der mir einfällt, den ich für richtig halte, ist Stefan Fischer-Fels, und der kann nur nächstes Jahr oder gar nicht. Er leitet sehr erfolgreich das Junge Schauspielhaus Düsseldorf, nächstes Jahr ist da ein Intendantenwechsel, dann kann er aus seinem Vertrag raus. Von daher hatte ich gar keine Wahl, als das jetzt zu entscheiden und den Wechsel nicht noch ein paar Jahre hinzuziehen.

tip Bleiben Sie dem Grips verbunden?
Ludwig Klar. Ich bin weiter der Geschäftsführer, ich bleibe der Inhaber der Grips Theater GmbH. Und vor allem werde ich weiter schreiben. Ich sehe mich ja in erster Linie als Schreiber, jetzt freue ich mich, dass ich endlich genug Zeit dafür habe. Das kam früher immer zu kurz. Ich hatte bei jedem Stück das Gefühl, dass es nicht fertig geworden ist. Öfter haben die Proben angefangen, als das Stück erst zur Hälfte geschrieben war. Ich hatte nicht genug Zeit. Und diese Ausrede habe ich jetzt nicht mehr… (lacht).

tip Dieses schnelle Tempo hat einigen Stücken ja vielleicht ganz gut getan.
Ludwig „Linie 2“ war so ein typischer Schnellschuss. Wenn ich da lange über alles nachgedacht hätte, wäre es vielleicht nicht ein so großer Erfolg geworden…

Volker Ludwigtip Andere Berliner Intendanten hängen ja sehr an ihren Chefposten. Ist Ihnen die Entscheidung, die künstlerische Leitung abzugeben, schwer gefallen?
Ludwig Nein, eigentlich nicht. Ich habe mit meinem Nachfolger ein halbes Jahr verhandelt, da wird man sich über alles klar. Stefan Fischer-Fels ist ein Grips-Mensch, er hat 10 Jahre hier gearbeitet und danach in Düsseldorf ein ganz wunderbares Kinder- und Jugendtheater aufgebaut.

tip Blicken Sie etwas sentimental auf 42 Grips-Jahre zurück?
Ludwig Manchmal bin ich stolz darauf, was daraus geworden ist. Andererseits gibt es Dinge, die einen ärgern, wo man immer weiterkämpfen muss. Es ist immer noch nicht selbstverständlich, dass Kinder überhaupt ins Theater gehen. Viele Kinder kommen nie ins Theater, das hängt immer noch vom guten Willen der Lehrer ab. Eines meiner Grundziele war, zu erreichen, dass jedes Kind einmal im Jahr ins Theater kann, das haben wir nicht geschafft. In Schweden gehört das zum Schulprogramm: zwei Theaterbesuche im Jahr.

tip Haben Sie bei der Grips-Gründung gedacht, dass Ihr kleines, linkes Theater auch nur drei Jahre übersteht?
Ludwig Nein, ich wollte das auch gar nicht. Ich habe gedacht, wir machen jetzt mal so was, und das werden dann alle anderen nachmachen. Und dann können wir wieder Kabarett machen. Irgendwann musste ich mich entscheiden. Damals haben Lehrer für uns ihren Job riskiert, das Grips war zum Politikum geworden, die Berliner CDU und die Springer-Presse haben uns bekämpft. Spätestens als wir den Zehn-Jahres-Mietvertrag für das Grips unterschrieben haben, war mir klar, dass ich das weitermachen muss, um nicht unglaubwürdig zu werden.

tip Sie sind jetzt 73. Muss ein Kinder- und Jugendtheater zwangsläufig von jungen Leuten gemacht werden?
Ludwig Überhaupt nicht. Es gibt ja auch 18-jährige Greise, innere Beweglichkeit hat ja mit dem Alter nichts zu tun. Astrid Lindgren hat ihre besten Kinderbücher mit 80 geschrieben. Es geht darum, wie gut man sich mit Kindern und Jugendlichen auskennt und versteht.

Interview: Peter Laudenbach

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