Theater

Inteview mit Iwan Wyrypajew

Iwan Wyrypajew

tip Herr Wyrypajew, wie ist es, als unabhängiger Künstler in Putins „gelenkter Demokratie“ Theater zu machen?
Iwan Wyrypajew Lustig, dass es in der ersten Frage immer um Putin geht, egal, wo ich hinkomme. Die Leute denken immer an Putin, als würde er alle Gedanken beherrschen. Ich selbst denke fast nie über Putin nach. Echte Freiheit ist nicht von äußerlichen Dingen abhängig. Es gibt Schwierigkeiten, wenn man in Russland bestimmte Dinge schreibt – zum Beispiel Schimpfworte und obszöne Ausdrücke. Und davon gibt es in meinem neuen Stück jede Menge. Jeder, der bei uns ein kritisches Stück über das Putin-Regime machen würde, würde Probleme bekommen. Aber dieses Thema interessiert mich sowieso nicht. Ich bekomme nur Probleme wegen der vielen schmutzigen Ausdrücke in meinen Stücken.

tip Sie leiten in Moskau ein Theater. Leidet Ihr Theater unter der Wirtschaftskrise?
Iwan Wyrypajew Unser Theater wird von der Stadt Moskau finanziert. Außerdem verdienen wir sehr gut. Unsere Eintritts­karten sind ziemlich teuer und wir sind fast immer ausverkauft. Aber natürlich haben wir durch die Krise finanzielle Probleme. Im Augenblick kann ich noch nicht sagen, wie schlimm es wird. Die Krise ist noch nicht katastrophal, aber sie wird größer werden. Ich glaube, ab Mai werden wir ernsthafte Probleme bekommen. Aber ich bin davon überzeugt, dass die Krise dazu führen wird, dass die Leute in Moskau noch mehr ins Theater gehen. Ich hoffe, dass meine Bühne eines der Theater sein wird, die überleben.

Iwan Wyrypajewtip Stimmt es, dass Ihre Stücke im Ausland mehr gespielt werden als in Russland?
Iwan Wyrypajew Ja, das ist so. Das liegt sicher auch daran, dass in meinen Stücken ein westliches Bewusstsein sehr präsent ist. Das ist in Russland nur für eine relativ kleine Schicht verständlich.

tip Das Deutsche Theater bringt Ihr Stück „Unerträglich lange Umarmung“ zur Uraufführung. Wir begegnen darin zwei Frauen und zwei Männern in ihren privaten, sexuellen Verwicklungen und in ihrer Suche nach so etwas wie Sinn in ihrem Leben. Was geschieht in Ihrem Stück?
Iwan Wyrypajew Es ist ein Stück darüber, wie aus toten Menschen lebendige Menschen werden, wie sie wieder aufwachen und ihr Leben neu entdecken. Mir scheint, die wirklich wichtigen Probleme der Menschen sind heute weder politisch noch ökonomisch, nicht einmal ökologisch. Das entscheidende Problem ist, dass wir keinen wirklichen, authentischen Kontakt haben, dass wir in einer Müll- und Plastikwelt leben. Die Menschen leben in einer Projektion, sie denken in Schablonen. Wir versuchen ständig, irgendwelche Krisen zu lösen, in der Ukraine, im Irak, in Syrien. Aber wir haben nie einen echten Kontakt zu den Menschen, um die es eigentlich geht.

tip Ihr neues Stück spielt in New York und Berlin. Haben Sie in New York und Berlin gelebt?
Iwan Wyrypajew Ich bin häufig in New York, ich habe dort gearbeitet, ich habe Freude. Ich inszeniere mein neues Stück, das jetzt am Deutschen Theater rauskommt, in New York. Ich war oft in Berlin. Das Ende des Stücks habe ich in Berlin geschrieben.

tip Im New York ihres Stücks gibt es ein veganes Restaurant und Heroin, in Berlin Kokain, Prostituierte, eine brutale Straßengang. Man könnte sagen, das ist ein wenig klischeehaft.
Iwan Wyrypajew Das ist nicht mein Berlin oder mein New York, sondern das Berlin und das New York meiner Figuren. Die Leute, über die ich geschrieben habe, kenne ich sehr gut. Und von denen gibt es viele. Es ist kein Stück über eine bestimmte Stadt, sondern eines über einen Menschen, der in eine Stadt kommt und dort das findet, was er braucht.

tip Eine Frage, die in Ihrem Stück immer wieder auftaucht, lautet: Was muss ein Mensch machen, um sich lebendig zu fühlen? Was wäre Ihre Antwort?
Iwan Wyrypajew Das Leben ist da. Und der Mensch muss sich und seine Umwelt sehr aufmerksam betrachten, um das Leben zu finden, das eigentlich da ist. Die meisten Menschen leben einfach so vor sich hin, ohne nach einer Bedeutung oder einem Sinn zu suchen. Die Figuren meines Stückes leben auch nicht anders. Und plötzlich bekommen sie Kontakt zum Leben und fangen an, nach einer Erfüllung zu suchen.

Iwan Wyrypajew

tip Auslöser dafür ist, dass sie die „weibliche Stimme des Universums“ hören und ein blaues Licht, Schlangen und Delfine sehen. Kühle Rationalisten könnten das unfreiwillig komisch finden.
Iwan Wyrypajew Das ist mir egal. Das sind ja Metaphern. Aber lassen Sie uns die Premiere abwarten – dann werden wir sehen, ob Zuschauer das komisch finden.

tip Drei der vier New Yorker Figuren Ihres Stückes kommen aus Osteuropa. Sie selbst bewegen sich selbstverständlich durch westliche Metropolen. Ist dieser selbstverständliche Umgang miteinander durch den neuen Kalten Krieg bedroht?
Iwan Wyrypajew Ganz und gar nicht. Der Krieg in der Ukraine findet statt, weil diese sehr unterschiedlichen Kulturen und Systeme aufeinandergeprallt sind, weil sie einander auf einmal so nah sind. Früher hatten die Osteuropäer oder die Araber viel weniger mit dem Westen zu tun. Die nationale Kultur, der mentale Code wird gegen die Globalisierung verteidigt. Man kann das eigene System nicht mit Gewalt durchsetzen, wie das die Amerikaner im Irak und in Afghanistan versucht haben. Für jemanden wie meinen Vater, der in Sibirien lebt und nie im Ausland war, ist die westliche Mentalität etwas Fremdes. Von solchen Menschen gibt es Millionen, zum Beispiel in der östlichen Ukraine. Der westeuropäische Code und der russische Code sind sehr unterschiedlich. Das sind verschiedene Weisen, auf das Leben zu blicken. Der russische Code hat Angst vor dem Westen, das löst Widerstände aus. Die Kultur spielt in diesem Konflikt die größte Rolle.

tip „Unerträglich lange Umarmung“ haben Sie als Auftragsstück des Deutschen Theaters geschrieben. Hatte das Theater irgendwelche Wünsche an Ihr Stück?
Iwan Wyrypajew Ich schreibe seit fünf Jahren Auftragsstücke für verschiedene Theater, hauptsächlich für Deutschland. Wenn mir ein Theater einen Stückauftrag gibt, sagt es mir nicht, worüber ich schreiben soll. Aber bei eher konservativen Theatern schreibe ich etwas Radikales – und umgekehrt. Ich schlage immer das vor, von dem ich meine, dass es an diesem Theater fehlt.

tip Das heißt, am Deutschen Theater fehlen harte Drogen, Sex und obszöne Vokabeln?
Iwan Wyrypajew Das haben Sie gesagt.

Fotos: Theater Praktika Moskau

Unerträglich lange Umarmung, DT-Kammerspiele, Do 5.3., 20 Uhr (Uraufführung), Fr 6.3., So 15.3., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 28 44 12 21

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