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Ein neuer Brecht: Nis-Momme Stockmann

Ein neuer Brecht: Nis-Momme Stockmann

Es tue ihm leid, wenn er etwas übermüdet aussehe, aber das letzte Jahr sei sehr anstrengend gewesen. Kurzes Stutzen, denn der 35-jährige Nis-Momme Stockmann sieht aus wie das blühende Leben. Man muss sich erst seinen 720 Seiten (!)  umfassenden Debütroman vor Augen führen, um seinen Gemütszustand nachzuvollziehen. In dem Buch, das als Favorit für den am 17. März zu vergebenen Preis der Leipziger Buchmesse gelten kann, erzählt der nordfriesische Wahlberliner alles andere als konventionell vom Untergang der Welt, wie wir sie kennen.
"Wenn mir im letzten Sommer jemand gesagt hätte, wie viel da noch auf mich zukommt, ich schwöre, ich hätte aufgegeben", gesteht er. Gut, dass er sich durchgekämpft hat, denn "Der Fuchs" ist ein großer Roman. Auf verschiedenen, kompliziert ineinander gewundenen Erzählbahnen schlittern die Leser durch das komplexe Ideen- und Gedankengebäude des Erzählers Finn Schliemann, in dessen Kopf Zustand und Perspektive von Mensch, Welt und Kosmos vielstimmig verhandelt werden. Es ist die unauflösliche Komplexität der Gegenwart, an deren Grenzen Stockmann hier auf faszinierende Weise führt. Er schafft ein modernes Atlantis, das die Kultur (was Kultur auch immer heißt) der Postmoderne mit sich in die Tiefe reißt.
Gesellschaftliche Grundsatzfragen radikal einfach, aber niemals simpel zu stellen, darin liegt Stockmanns großes Talent. Als er 2009 bei den Stückemärkten in Berlin und Heidelberg die Hauptpreise abräumte und im Jahr darauf zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gewählt wurde, lag ihm das Feuilleton zu Füßen. Doch die einstmals herbeigesehnten Herausforderungen, vor die er das konventionelle Theater mit seinen gesellschaftskritischen Stücken stellt, werden ihm heute vorgeworfen. Was hält er davon, dass seine vehemente Kapitalismuskritik viele Theaterkritiker nervt? Er lächelt! "Ich finde es vollkommen natürlich, über den Kapitalismus zu schreiben, schließlich lebe, arbeite und denke ich in ihm." Das Etikett, das er dafür bekommt, ist das des politischen Autors. "Das ist natürlich Unsinn, denn man ist nicht als Autor, sondern als Mensch politisch", kontert Stockmann. Auf die aktuellen Debatten angesprochen, antwortet er bühnenreif: "Welcher Mensch von Verstand nimmt denn eine Fahne in die Hand, nur weil es eben gerade scheiße läuft?" Klingt nach Brecht, ist aber Stockmann.
Als Künstler arbeitet er gattungsübergreifend. 2005 gewann er mit einem Kurzfilm den 1. Preis beim Internationalen Filmfestival in Odense, 2009 wurde er Hausautor am Schauspiel Frankfurt. Fast ein Dutzend Stücke hat der dreifache Vater seither geschrieben, alle liefen auf den großen Bühnen der Republik.
"Mit dem Roman scheint er seine Bestimmung gefunden zu haben. "Ich fühle mich in der Prosa zuhause", erklärt Stockmann. Dass er für das Theater schreibe, sei der eigentliche Zufall in seinem Lebenslauf. "Da bin ich eher so reingerutscht", sagt das immer noch amtierende Wunderkind des Theaterbetriebs.
Mit "Der Fuchs" hat er (sich) bewiesen, dass er auch die Königsdisziplin beherrscht. Mit klarem Blick für die Dinge und großem Gespür für die Musikalität der Sprache erzählt er darin vom Wegbrechen der alten Lebensentwürfe und der gähnenden Leere, die bleibt. Müsste man diesem atmosphärisch dichten Roman ein Etikett verpassen, es stünde "Lesepflicht!" darauf.
Im Buch bedankt sich Nis-Momme Stockmann übrigens "ausdrücklich" bei sich selbst. Und ergänzt: "Ach ja: Mach dir keine Sorgen. Der Stress bekommt dir gut. Falten machen dich nur attraktiv. Die Plauze steht dir." Er ist angekommen, im Leben und bei sich selbst. Was fehlt, ist eine Mütze Schlaf.

Text: Thomas Hummitzsch

Foto: privat

Der Fuchs Rowohlt Verlag, 720 S., 24,95 Euro?

Buchpremiere: Deutsches Theater Schumannstr. 13, Mitte, Mo 21.3., 20 Uhr

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