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Anne Ratte-Polle spielt jetzt auch an der Volksbühne

rattepolle_anneDie Jungkarrieristin Dorrit Runge hat einen guten Tag erwischt. Eigentlich wollte sie sich beim hohen deutschen Staatsbesuch – dem König von Hamudistan – ja nur als persische Kurzzeitübersetzerin andienen. Aber die anderen Blender und Aufwärtsstreber, die sie bei dieser eigeninitiativen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme trifft, erweisen sich als überraschend kreativer Humus, von dem es sich jobtechnisch bes­tens nach oben abstoßen lässt.

Dort ist Anne Ratte-Polle, die diese „kleine Aufsteigerin“ aus Franz Arnolds und Ernst Bachs Schwank „Amanullah Amanullah“ von 1928 gerade unter Frank Castorfs Regie probt, de facto längst angekommen. Während ihres Engagements in Hannover von 2002 bis 2005 spielte sie – noch keine 30 – mit ebensolcher Kraft wie seltenen Gedankenschärfe die großen Tragödinnen von Medea bis Lady Macbeth. In Berlin versank sie gastweise in GotscheffsDas große Fressen“ an der Volksbühne eher lustig im Seifenschaum oder reflektierte sich mit Birgit Minichmayr und Martin Wuttke wortwitzig durch Renй Polleschs „Strepitolino„.

So gesehen ist Dorrit Runge für die 1974 im niedersächsischen Cloppenburg geborene Schauspielerin eher ein Ein- als ein Aufstieg. Sie gibt in diesem 20er-Jahre-Verwechslungsschwank, dem Castorf mit Heinrich ZillesHurengespräche“ und Antonin Artaud noch ein paar zusätzliche Böden einziehen will, ihren Einstand als festes Ensemblemitglied der Volks­bühne. Das genreobligatorische Türenbühnenbild hat Bert Neumann in die Zweitspielstätte im Prater gebaut, weil das Haupthaus am Rosa-Luxemburg-Platz saniert wird und die gesamte Crew Anfang April in die Kastanienallee gezogen ist.

Die schwer kriselnde Volksbühne, von der sich ein Großteil der legendären Schauspielerriege verabschiedet hat, ohne dass viel Ernstzunehmendes nachgekommen wäre, kann man zum Engage­ment von Anne Ratte-Polle nur beglückwünschen. Die Arbeit der Volksbühne, erzählt Anne Ratte-Polle, interessierte sie schon auf der Schauspielschule in Rostock. Einige Kommilitonen seien zwar schwer irritiert gewesen, als ein Dozent eines Tages mit der Videoaufzeichnung einer Castorf-Inszenierung auftauchte. „Und ich habe es auch nicht wirklich verstanden“, lacht Ratte-Polle, „fand’s aber super.“ Sobald man nachhakt, überlegt sie lange. Anne Ratte-Polle, die freimütig bekennt, sich bei der Lektüre von Schauspielerporträts öfter zu langweilen, weil man die immergleichen Floskeln liest, will sich schlichtweg nicht selbst der munteren Klischeeproduktion schul­dig machen. „Und außerdem“, bekennt sie, „bin ich leider nicht so die Anekdotenerzählerin.“ Stimmt.

Castorf denke unglaublich schnell und scharf, kürze Texte direkt beim Proben und werfe sie gleich mit der entsprechenden Haltung ins Spiel, denkt Ratte-Polle laut nach. „Da braucht man als Schauspielerin einfach nur mitzudenken.“ Dass sie bisher immer auf die richtigen Regisseure traf – von Christoph Schroth in Cottbus angefangen, wo sie ihr erstes Engagement nach der Schule hatte – ist nicht nur Glück, sondern vor allem Resultat konsequenten Nach­denkens über sich selbst. Anne Ratte-Polle hat – wiewohl seinerzeit freiberuflich – zum Beispiel gleich zweimal das Angebot ausgeschlagen, eine hoch dotierte Fernsehkommissarin zu spielen. Dafür hat sie sich jetzt mit aller Konsequenz für die Volksbühne entschieden. Mutig!

Text: Christine Wahl

Foto: Thomas Aurin

Amanullah Amanullah Volksbühne im Prater, Kastanienallee 7-9, Prenzlauer Berg, 9., 10., 12.4., 19.30 Uhr, Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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