Theater

„Ein Volksfeind“ an der Schaubühne

EinVolksfeindStilistisch handelt es sich bei Thomas Ostermeiers Inszenierung von Ibsens „Ein Volksfeind“  um eine Art verlangsamtes, pointenfreies Boulevardtheater. Wie es sich in diesem Genre gehört, sind die Figuren überdeutlich klischeehaft gezeichnet. Je besser der Anzug, desto moralisch verwerflicher der Anzugträger, was vermutlich irgendwie systemkritisch gemeint ist. Ein sehr guter, also böser Anzugträger ist der Stadtrat Stockmann, von Ingo Hülsmann mit erfreulicher Glätte dargestellt. Wie in seinen früheren Ibsen-Inszenierungen („Nora“, „Hedda Gabler“) versetzt Ostermeier auch diesmal das Personal der vorletzten Jahrhundertwende  in eine diffuse Berlin-Mitte-Gegenwart, so dass der Badearzt Dr. Stockmann (Stefan Stern) und seine Trendstreber-Freunde aus der Redaktion der lokalen Tageszeitung etwa so rumlaufen, wie man sich in Bielefeld Berliner Hipster um 2005 vorstellt. Das trägt zwar nicht zur Erhellung von Stück und Figurenkonflikten bei, aber darum geht es ja auch nicht.

Eine ähnliche Verspätung wie im Hipster-Dresscode zeichnet die Aufführung auch in der Verwendung von Text-Fremdmaterial und der Simulation politischer Bedeutung aus, wenn der  bedauernswerte Darsteller des Dr. Stockmann bei einer Rede ans Auditorium ausgiebig aus dem linkssentimentalen Manifest „Der kommende Aufstand“ rezitiert, das seinerseits schon 2007 nicht viel mehr war als dröhnende Situationisten-Nostalgie. Logischerweise fallen die Politsignale desto greller aus, je wirrer das Weltbild ist.  

Text: Peter Laudenbach
Foto: Arno Declair
tip-Bewertung: Uninteressant

Ein Volksfeind (Termine)
in der Schaubühne,
z.B. am 7., 9., 11., 12.10., 20 Uhr,
Karten-Tel. 89 00 23

weitere Rezensionen:

„DEMOKRATIE“ AM DEUTSCHEN THEATER

„MUTTERSPRACHE MAMELOSCHN“ IN DER DT-BOX

Mehr über Cookies erfahren