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Neue Dramatik

„Eine Frau – Mary Page Marlowe“ am Berliner Ensemble

Ein Leben in elf Szenen: Regisseur David Bösch blättert in Eine Frau auf der heftig kreisenden Drehbühne des ­Berliner Ensembles durch ein komplettes Leben

Foto: Julian Röder

Wie schon in seinem Erfolgsstück „Eine ­Familie“ adelt der amerikanische Autor Tracy Letts auch in seinem neuen Well-made-play universelle Fragen des Menschseins mit brillanten Dialogen. „Eine Frau“ („Mary Page Marlowe“) bringt nun David Bösch am Berliner Ensemble zur deutschsprachigen Erstaufführung. Das starke Ensemble, ein kongeniales Bühnenkonzept (Patrick Bannwart) und die achronologische Anordnung der Szenen verleihen der Aufführung einen Sog, dem kaum zu entkommen ist.

In der ersten Szene, die noch etwas mühsam in Gang kommt, bringt Mary (Bettina Hoppe) ihren Kindern bei, dass sie sich scheiden lassen wird, Eingeständnis eines Scheiterns, Umzug zu den Hinterwäldlern. In der zweiten Szene träumt Carina Zichner als junge Mary von einem Leben jenseits der Schablonen: unverheiratet sein, am besten in Paris. In der dritten Szene – da ist sie 63 Jahre alt – erfährt Corinna Kirchhoff als Mary, dass ihre Bewährungsstrafe endlich abgeleistet ist.

Das Stück (das unsere Autorin wie bereits „Eine Familie“ übersetzt hat, die Red.) erzählt nicht der Reihe nach. In einem steten Vor- und Zurückblättern, Vorbeigleiten der Puppenhausräume auf der Drehbühne, die irgendwo anhält, als hätte jemand den Finger in eine Buchseite gelegt, erlebt das Publikum einzelne Momente, die sich zum lückenhaften und immer komplexer werdenden Lebensbild addieren. Dass Mary Page Marlowe in drei Lebensaltern von drei Schauspielerinnen gespielt wird, betont das Universelle der einzelnen Biografie.
Und es geht auch nicht um die konkrete Geschichte, sondern um eine prägnante Sicht auf das eigene Leben, dissoziierte Erfahrungen, Suche nach dem Ich in den Stürmen des Alltags. Und es ist kein Zufall, dass Frauenversteher Tracy Letts eine Frau ins Zentrum ­dieser Problematik stellt, zwischen Familie, Beruf, Ambitionen, Notwendigkeiten.

Im stimmigen Timing nähert sich Böschs ­Inszenierung dem tragischen Kern seiner Hauptfigur. Dass die Ausstattung (Kostüme: Meentje Nielsen) eine Spur zu naturalistisch geraten ist und einige Szenen recht statisch wirken, tut der Sache kaum Abbruch, denn die Atmosphäre wird stetig eindringlicher. Und nur scheinbar ist Mary Page eine von uns, sie hat mehr drauf, denn sie kann ihre Erkenntnisse in schmerzhaft klare Worte fassen. ­„Jemand anders hätte mein Tagebuch schreiben können“. Und Corinna Kirchhoff steht am Rand und schaut zu, wie die Räume ihres ­Lebens an ihr vorbeiziehen.

Berliner Ensemble Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte, Do 16., Fr 17.+ Fr 24.11., 19.30 Uhr, Eintritt 13-42 €

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