Theater

Elke Schmitter im Interview

schmitter_elketip: Frau Schmitter, Sie haben für die Auswahl der vier Stücke, die bei der Langen Nacht der Autoren, dem Abschluss der Autorentheatertage am DT, in Werkstattinszenierungen aufgeführt werden, 140 eingereichte Stücktexte zumindest angelesen. Weshalb tut sich eine viel beschäftigte „Spiegel“-Redakteurin und Schriftstellerin das an?
Elke Schmitter: Das Besondere an dieser Langen Nacht der Autoren ist, dass allein der Juror entscheidet, welche Art Stücke eingereicht werden sollen. Man hat alle Freiheiten, man kann sagen, ich wünsche mir nur Stücke von Autoren unter 20 oder es dürfen nur Frauen auf der Bühne stehen oder nur Stücke von Autoren mit Migrationshintergrund … Es ist ein narzisstischer Kick zu sagen, ich spiele hier mal Master of the Universe.

tip: Ihr Auswahl-Kriterium war: Make me laugh. Was bringt Sie im Theater zum Lachen?
Schmitter: Ganz unterschiedliche Sachen. Humor hat auch damit zu tun, wovon man affiziert wird. Es gibt den derben Humor, der einen bei der primitiven Seite packen will, es gibt die sublime Komik wie bei Tschechow, und es gibt eine analytische Komik. Alles kam in den eingereichten Texten vor und alles hat mir Spaß gemacht. Komik ist im Theater nicht besonders hoch angesehen. Das Genre der klassischen Komödie gilt in der Hochkultur als ein bisschen spießig, als etwas bieder und flach. In der moralischen Anstalt Theater sollen die Leute ja nicht unterhalten werden, das gilt fast als degoutant, nein, sie sollen etwas begreifen und moralisch geläutert werden. Aber das Lachen hat etwas Aufschließendes, Komik kann einen klüger machen, Humor ist auch ein Distanzmittel.

tip: Es gibt in den moralischen Anstalten der Hochkultur die beliebte Unterscheidung zwischen dem einverständlichen Humor, mit dem man, schön reaktionär, sich selbst und die eigenen Vorurteile feiert, und der subversiven Komik, die ordentlich didaktisch die Mächtigen lächerlich machen will.
Schmitter: Auch diese Unterscheidung finde ich so furchtbar und anstrengend. Der Abgrund des angeblich subversiven Lachens ist das Kabarett, wo man dann sitzt und sich freut, wenn der Kabarettist wieder mal sagt, dass alle Politiker doof und alle Unternehmer kriminell sind.

tip: Was für Stücke wurden bei der Ausschreibung eingereicht?
Schmitter: Eine ganze Reihe von Texten hatten so einen Stand-up-Comedy-Humor – komische Dialoge, aber eigentlich keine Theaterstücke. Es gab auch Klassikerbearbeitungen. Aber die Stücke, die ich ausgewählt habe und die jetzt aufgeführt werden, sind in der Gegenwart angesiedelt, absolute Zeitstücke. „Krauses Erzählungen“ von Daniel Gurnhofer zum Beispiel handelt sehr komisch von einer Hartz IV-Existenz, ein brachialer, regressiver Humor. „Paradiesvögel“ von Judith Kuckart spielt in der ostdeutschen Provinz. „Ein Mädchen namens Elvis“ von Julia Wolf ist ein Kammerspiel zwischen einer pflegebedürftigen Alten, ihrer Pflegekraft, dem Menschen von Essen auf Rädern und der Enkelin. Das ganze Drama von Alt und Jung und Krankheit und Leben wird noch einmal neu durchgespielt, einerseits hart und schrecklich, auch berührend, andererseits absolut unkitschig, weil es grotesk und komisch ist und man wirklich darüber lachen kann. Lachen ist entlastend, aber das heißt eben nicht, dass es einen lähmt und dumpf zufrieden macht. Komik kann eine paradoxe Intervention sein, wenn in einer verfahrenen Situation nichts weitergeht, wenn sich alles verkrampft und einer steht auf und macht, wie der Narr in einem Shakespeare-Stück, irgendwas Absurdes. Das kann die Situation aufbrechen, es wird ein neues Spielfeld aufgemacht. Komik hat etwas Befreiendes.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair


Die lange Nacht der Autoren
Deutsches Theater, Sa 25.6., 19 Uhr, Karten-Tel. 28 44 12 21

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