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„Emma und Eginhard“ in der Staatsoper im Schiller Theater

Renй Jacobs

tip Herr Jacobs, Sie dirigieren jetzt an der Staatsoper Georg Philipp Telemanns Oper „Emma und Eginhard“. Telemann schrieb 3?600 Werke und gilt gern als Schöpfer von ‚Meterware‘. Ein Vorurteil?
Renй Jacobs?Ein schlimmes Vorurteil! Geradezu eine fixe Idee. Man geht davon aus, dass ein Vielschreiber deswegen auch viel Unbedeutendes schreibt. Telemann war nur unglaublich fleißig. Die Qualität sogar kleiner Werke ist bedeutend hoch.

tip Telemanns „Orpheus“ vor vielen Jahren an der Staatsoper war großartig, „Sokrates“ danach etwas zäher. Wo liegt „Emma und Eginhard“ im Ranking der Opern Telemanns?
Renй Jacobs „Emma und Eginhard“ halte ich für ein Meisterwerk. Es ist die Tragikomödie einer verbotenen Liebe – mit vielen komischen Figuren und Elementen. Sie spielt am Aachener Hof Karls des Großen.

tip Wie klingt das?
Renй Jacobs Bach-ähnlich. Man macht immer den Fehler, Telemann mit Händel zu vergleichen. Im Gegenteil! Wenn Bach nach Hamburg gekommen wäre – und er hat das ja zeitweilig sogar vorgehabt –, dann hätte er Opern geschrieben wie Telemann und Keiser.

Renй Jacobstip Warum werden Telemanns Opern so selten aufgeführt?
Renй Jacobs Wegen der falschen Annahme, er sei nicht tiefgründig genug. Und wegen Richard Wagner! In seiner Schrift „Oper und Drama“ bezeichnet Wagner die ganze deutsche Barockmusik – mit Ausnahme von Bach – als „undeutsch“. Wir bekennen uns hier zur undeutschen Oper. Und feiern sie.

tip Alle Werke, die Telemann und andere Komponisten für die Hamburger Gänsemarkt-Oper geschrieben haben, sind voller extrem derb-komischer Elemente. Warum?
Renй Jacobs Das liegt am italienischen Vorbild. Hamburg verstand sich als Venedig des Nordens. Man war stolz auf die Oper, eben weil man darin etwas Italienisches sah. Dabei ist die Komik tatsächlich derber als bei Cavalli oder Cesti. In Deutschland gibt es regelmäßig die Hanswurst-Figur. In unserem Fall den Hofnarren. Man liebte, dass er dick ist und säuft wie ein Loch. Und vor allem, dass er Dinge sagen darf, die sonst keiner sagt. Das Komische in der deutschen Barockoper ist ein Mittel der politischen Kritik.

tip Mit 2?000 Plätzen war die Gänsemarkt-Oper (von 1678 bis 1738) ein riesiges Haus. Ist davon auszugehen, dass Opern dort gesittet und ruhig angesehen wurden – so wie heute?
Renй Jacobs Nein! Wenn wir von den italienischen Bräuchen ausgehen, dürfte es so gewesen sein, dass die Leute rein und raus gingen, gegessen und getrunken und sich während der Veranstaltung unterhalten haben. Nur waren sie zugleich gebildeter, als man es heute ist. Man besuchte mehrfach die gleiche Aufführung, zum Teil aktweise, und kannte die Vorlagen und Libretti gut. Das Interesse am Text war gleich groß wie das an der Musik. Anders als heute, wo man fast ausschließlich wegen der Musik in die Oper geht.

tip An der Staatsoper arbeiten Sie seit mehr als 20 Jahren, die wohl längste künstlerische Strecke, die Sie an einem Haus zurückgelegt haben. Wie ist das möglich?
Renй Jacobs Weil die Staatskapelle unter Daniel Barenboim regelmäßig auf Tournee geht, konnte man seit Georg Quanders Intendanz immer wieder Gast-Ensembles verpflichten, die auf Barockmusik spezialisiert sind. Im nächsten Jahr planen wir „Amor vien dal destino“ von Agostino Steffani. Jürgen Flimm hat zugestimmt, weil er Steffani durch Cecilia Bartoli kannte, die er sehr verehrt. Ich muss der Bartoli dankbar sein! Wegen ihr dürfen wir.

tip Wenn Sie einen Dirigenten nennen müssten, der nicht Ihrem Lager angehört – und den Sie trotzdem gut finden?
Renй Jacobs Mariss Jansons! Ihn bewundere ich sehr. Wenn ich nachts nicht schlafen kann, schaue ich manchmal das französische Mezzo.tv. Da habe ich Mariss Jansons oft mit dem Concertgebouw-Orchester erlebt – und nachher kann ich dann noch weniger schlafen!

tip Warum stehen Sie überhaupt nachts auf?
Renй Jacobs Weil ich von der Musik verfolgt werde, die ich studiere oder dirigiert habe. Mir fallen immer siedend heiß jene Stellen ein, an die ich mich zum Beispiel im „Don Giovanni“ nicht gut erinnern kann! Ich bin sogar schon mal nachts aufgestanden, um nachzusehen. Während der Aufführung nicht mehr zu wissen, wo ich gerade bin, wäre der ärgste Albtraum für mich.

Interview: Kai Luehrs-Kaiser

Fotos: Philippe Matsas

Emma und Eginhard, Staatsoper im Schiller Theater. So 26.4., 18 Uhr, Mi 29.4., 19 Uhr, Sa 2.5., 19 Uhr, Fr 8.5., 19 Uhr, So 10.5., 18 Uhr, Karten-Tel. 20 35 45 55

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