Theater

Emmanuel Parhud in der Philharmonie

Emmanuel_Pahud_2011_09_c_Josef_FischnallerEmmanuel Pahud sieht gut aus als Friedrich der Große. Im königsblauen Wams mit grau meliertem Haar steht der Musiker auf freiem Feld, einem Kartoffelacker vielleicht, und bläst die Flöte. Für das Porträt seiner neuen CD hat sich der Musiker dem Preußenkönig äußerlich anverwandelt. Die offenkundige Parallele: das Instrument, zu Friedrichs Zeiten die Traversflöte, die der Monarch sehr gut spielen konnte. Einen wie Pahud, Solist der Berliner Philharmoniker und einer der weltbesten, hätte der König wohl in seine Hof­kapelle nach Potsdam bestellt. Im Alltag begegnet einem Pahud weniger festlich. Am Künstler­eingang der Philharmonie öffnet ein sportlicher Mann im Flanell­karohemd die Tür, der Händedruck ist fest, die Augen wach. Silberhaar wie auf dem Foto hat der Schweizer nicht, sein Haar ist dicht und braun und steht ihm über der Stirn vorwitzig zu Berge. Dem Orchestermusiker-­Klischee des Flötisten als ätherisches, etwas abgehobenes Wesen entspricht er definitiv nicht. Auftritte vor vollem Saal liebt der 41-Jährige. Er fand es schon als 20-Jähriger raus, bei seinem ersten Solokonzert mit Orchester, da hatte er gerade den Nationalwettbewerb in Belgien gewonnen, den ersten in einer langen Reihe wichtiger Auszeichnungen.

„Ich bin, glaube ich, sowas wie ein Bühnentier, das einfach gerne lebt in so einer Umgebung“, sagt er mit leicht französischem Zungenschlag. Wenn er dieser Tage auf der Bühne steht vor 2?400 Zuhörern, wenn das Orchester und Sir Simon Rattle Platz machen, und Pahud das „Syrinx“-Solo von Debussy spielt, wird er die Spannung im Saal genießen. Um solche Momente zu beschreiben, fällt ihm der Vergleich zum japanischen Sumo-Kampf ein – eine seiner Lieblingssportarten. „Sumo sehe ich gern, um zu entspannen“, sagt er. „Faszinierend finde ich, dass es ein sehr kurzer Kampf ist. Man sieht schnell, wer die Oberhand hat. Als Musiker geht es dir ähnlich. Wer mental am stärksten ist, gewinnt. Ich muss als Musiker zwar nicht kämpfen, aber ich muss genauso autoritär sein.“ Zu Pahuds eifriger Konzerttätigkeit – er kommt mit 160 Auftritten pro Jahr ungefähr aufs doppelte Pensum anderer Musiker großer Orchester – kam kürzlich ein Ausflug ins Fernsehen dazu.

Da spielte er Harald Schmidt vergnügt etwas vor und rührte die Werbetrommel für seine „Flötenkönig“-CD. Unter den Stapeln an neuen Biografien und Events rund um den 300. Geburtstag des Preußenkönigs dürfte der Beitrag des Philharmonikers zu den feinfühligsten gehören. Statt Bekanntes zu wiederholen – „sein Flötenkonzert gibt es ja stapelweise“ – fertigt Pahud in seiner Stückauswahl ein musikalisches Porträt an, nicht nur von dem freigeistigen König, sondern auch von dessen geistiger Umgebung am Hof, mit Sonaten und Konzerten von Hofmusikern wie Carl Phillipp Emanuel Bach, Franz Benda oder seines Flötenlehrers Johann Joachim Quantz. „Ich musste für jedes Werk in eine andere Rolle schlüpfen“, erzählt er im Beiheft. Quantz etwa sei zwar einerseits eine „Vaterfigur“ für den Monarchen gewesen, „aber er war eben auch Angestellter des Hofes, und das hört man auch.“ Ganz anders bei Johann Sebastian Bachs Werk „Das Musicalische Opfer“.

Friedrich empfing Bach bekanntlich in dessen letzten Lebensjahren und setzte ihm ein eigenes Motiv zur Improvisation vor. „Dabei war das Thema überhaupt nicht dafür geeignet, und das war dem Monarchen bewusst“, erzählt Pahud begeistert. „Vermutlich haben Friedrichs Hofkomponisten alle daran gebastelt, damit das Thema untauglich ist für die Musik der alten Generation, für Bach. Sie wollten Musik, die nicht so kompliziert ist, die direkt aus der Seele raussprudelt, Sturm und Drang. Bach so etwas vorzugeben, war gewissermaßen eine Ohrfeige, in codierter Sprache.“ Das künstlerische Kräftemessen sollte der alte Bach für sich entscheiden. Pahuds transparente Spielweise macht den Konflikt spürbar – und erzählt nebenbei etwas von natürlicher Autorität.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Josef Fischnaller/EMi Classic

Konzert
Mi 21.12., Fr 23.12., 20 Uhr, Philharmonie, Claude Debussy: Syrinx für Solo-Flöte, Luciano Berio: Sequenza I für Flöte sowie Orchesterwerke von Francis Poulenc und Sergej Prokofjew

CD
Emmanuel Pahud: Flötenkönig. Friedrich der Große – eine Widmung (EMI Classics)

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