Politisches Theater

„Empire“ an der Schaubühne

Alles echt und mit authentischen Flüchtlingen: Milo Raus Doku-Inszenierung „Empire“an der Schaubühne ist an Theater-Narzissmus kaum zu übertreffen

Foto: Marc Stephane

Milo Rau liefert an der Schaubühne mit seiner Inszenierung „Empire“ den Beweis für ein sehr prinzipielles Argument gegen dokumentarische Kunst, das schon Slavoj Žižek vorgebracht hat: „Wenn die Wahrheit zu traumatisch ist, um ihr direkt ins Auge zu sehen, lässt sie sich nur in Gestalt einer Fiktion akzeptieren.“ Die direkte Abbildung des Schreckens wäre „obszön und respektlos gegenüber den Opfern“.
Angesichts von Milo Raus Inszenierung wirken Žižeks Verdikte unmittelbar einleuchtend. Wie schon bei den ersten beiden Teilen von Raus „Europa Trilogie“ berichten Opfer politischer Gewalt.  Diesmal sind es die syrischen Künstler Ramo Ali und Rami Khalef, denen Rau die rumänische Tragödin Maia Morgenstern und den griechischen Schauspieler Akillas Karazissis zur Seite gestellt hat. Sie sitzen in der nachgebauten syrischen Küche Alis und erzählen aus ihrem Leben.

Weil das alles auf einem Ton und bei Maia Morgenstern gerne mit großem Betroffenheitspathos geschieht, bekommen ihre Eheprobleme den gleichen Dringlichkeitsappeal wie die Berichte der Syrer aus ihrem Bürgerkriegsland. Was Rami Khalef und Ramo Ali über den syrischen Krieg berichten, ist schrecklich. Aber sie auf die Bühne zu bringen, schafft keinen ästhetischen oder reflektierenden Mehrwert.
Spätestes wenn minutenlang Fotos von Folter-Opfern des Assad-Regimes gezeigt werden, unter denen Rami Khalef seinen von Soldaten verschleppten Bruder sucht, muss man an Žižeks prinzipielle Kritik des Genres denken. Hier ist es von Effekt-Kalkül und Gewalt-Voyeurismus nicht allzu weit entfernt.
Das strukturelle Problem des Formats liegt darin, dass die autobiografischen Texte Vorstellung für Vorstellung reproduziert werden. Diese Scripted Reality von den Betroffenen vortragen zu lassen, schafft einen falschen Authentizismus, zu dem es passt, dass Ramo Ali, der gut Deutsch kann, hier sozusagen als Echtheitszertifikat Arabisch sprechen muss.

Im Programmheft erklärt Milo Rau, was er für den „Lichtblick am Ende des Tunnels“ hält: „Das ist der Zuschauer, der (…) interessiert, vielleicht sogar voller Sympathie zuhört. Mehr an Erlösung kann man auf dieser Welt nicht kriegen.“ Regisseur und Theaterzuschauer als Erlöser traumatisierter Bürgerkriegsflüchtlinge – mehr an Theater-Narzissmus dürfte ebenfalls schwer zu finden sein.

Schaubühne Eintritt 7–48 €

Bewertungspunkte6

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