Südstaaten-Tragödie

„Endstation Sehnsucht“ am Berliner Ensemble

Kaputtheitsspirale: Michael Thalheimer treibt „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams in den Hysterie-­Expressionismus

Foto: Matthias Horn

Dass sie rätselhaft oder unverständlich wären, kann man den Bühnen, die Olaf Altmann für die Inszenierungen von Michael Thalheimer baut, beim schlechtesten Willen nicht vorwerfen. Eher sind es große Ausrufezeichen, die die gesamte Aufführung schon mit dem ersten Bild vorwegnehmen, Interpretationsangebot inklusive. Das muss nicht schlecht sein, auch wenn man dauernd das Gefühl hat, den Schauspielern bei einem Kräftemessen zuzusehen: Wer ist stärker – die wuchtige Bühne oder das zügig in die Überhitzung getriebene Spiel? Für Thalheimers neue Inszenierung am Berliner Ensemble, „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams, hat Altmann in eine hohe, rostige Wand eine nicht zu große Öffnung mit sehr steiler Schräge als Boden geschnitten. Wer hier landet, ist wie so oft in Thalheimer-Abenden im Gefängnis bedrückend enger Verhältnisse angekommen. Die weiteren Aussichten sind in dieser hoch über dem Bühnenboden schwebenden Höhle überschaubar; das Abrutschen ist programmiert. Blanche Dubois spült es bei ihrem ersten Auftritt wie ein Stück Strandgut die steile Schräge hinab in die untere Ecke, womit das Stück eigentlich schon erzählt wäre. Immer wieder landet sie in dieser Ecke, von der Erzählung ihres Lebens (und ihrer Selbstbild-Lügen) bleibt irgendwann nur noch ein panisches „ich..ich…ich…“, als müsste sie sich in ihren Reden immer neu herstellen. Cordelia Wege spielt diese Blanche, eine der Großen, im Untergang mit Wahn-Grandezza zappelnden Hysterikerinnen der einst modernen Dramenliteratur des vergangenen Jahrhunderts, mit großer Kraft. Auch wenn man manchmal nicht weiß, ob diese Kraftdemonstration ein Selbstzweck ist oder tatsächlich der Figurendarstellung dient, trägt sie den Abend. Wege hat dabei den Mut, diese Studie einer verzweifelt Überspannten in die Maniertheit und den Körperexpressionismus zu treiben. Die Feinzeichnung des psychologischen Realismus muss nicht sein, sie hätte gegen das martialische Bühnenbild auch keine Chance.

Das Loch, in dem die abgerutschte Südstaatenlady Blanche gelandet ist, ist der Proletarierhaushalt ihrer Schwester Stella (Sina Martens) im Sündenpfuhl New Orleans, das hier für so etwa das Gegenteil von The Big Easy-Überschwang steht. Nur Dünkel und die nervös flackernde Behauptung einstiger Größe halten Blanches überspannte Nerven noch halbwegs zusammen. Das Geld ist weg, und seit sie einen 17-jährigen Schüler verführt hat, zahlt sie mit der sozialen Ächtung den Preis, der in solchen Stücken für unbotmäßiges Begehren, erst recht für weibliches, vorgesehen ist. Was bei der Uraufführung 1947 eine Provokation war, die triebhafte Aufladung der Klassengegensätze erst im sexuell bedingten sozialen Absturz, dann im Hass-Begehren zwischen Blanche und dem Mann ihrer Schwester, dem polnischen Arbeiter Kowalski (Andreas Döhler), wird bei Thalheimer wie immer möglichst umweglos und schroff auf den denkbar heftigsten Konflikt reduziert. Die Figuren sind eher in die Enge getriebene Tiere als detailreich ausgeleuchtete Charaktere. Das sorgt für ein hohes Energielevel und einen eher mitleidlosen Blick auf das Trieb- und sonstige Geschehen, allerdings um den Preis, dass über zu weite Strecken auf etwa einem (lauten) Ton gespielt wird: Der Text ist dazu da, gebrüllt zu werden. Interessant ist, wie Döhler seinen Kowalski eher empfindlich als dumpf-brutal oder, wie es bei solchen Figuren immer gerne heißt „animalisch“, spielt: ein Schweiger, aus dem die Wut ab und zu blind herausbricht. Statt Entwicklung des Konflikts oder gar Handlungsspannung entsteht in Thalheimers Inszenierung eher ein in Varianten der Verrohung vorgeführter Dauerzustand, in dem auch Blanches Vergewaltigung durch Kowalski und ihr Abdriften in den Wahn nur weitere Drehungen der Kaputtheitsspirale, aber sicher keine grunderschütternden Tragödien markieren. Alles in bester Ordnung also am Berliner Ensemble, die Damen- wie die Dramenwelt ist, wie es sich gehört, wieder mal die Hölle.

Berliner Ensemble Fr 11., 12.5., 19.30 Uhr, Karten 13 – 42 €

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