Theater

„Endstation Sehnsucht“ im Berliner Ensemble

Schauplatz, Sujet und Rezeptionsgeschichte von Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht“ sind sehr reich. Popkulturell: Angefangen mit Elia Kazans berühmter Verfilmung von 1951, die nicht nur wegen des als Stanley Kowalski quasi ikonisch gewordenen Marlon Brando so wichtig ist, sondern auch, weil sie die Zensurmechanismen des damaligen Hollywood erfolgreich herausforderte. Sozio-geographisch: New Orleans und der Bankrott des alten Südens, gerade in jüngerer Vergangenheit mit neuen Assoziationsräumen versehen. Feministisch: Schließlich ist die Hauptfigur Blanche DuBois eine recht eigenwillige Frau, die, scheiternd, versucht hat, eine freiere Sexualität zu leben und am Ende verachtet und vergewaltigt wird. Thomas Langhoff hat sich in seiner Inszenierung am Berliner Ensemble für eine kindische Variante entschieden. Das fängt schon mit den Peinlichkeiten an, die man am BE für Lokalkolorit hält: New-Orleans-Jazz, so authentisch und leidenschaftlich gespielt wie bei der Dixieland-Matinee eines Schützenvereins. Das Bühnenbild (Andrea Schmidt-Futterer) ist so schlecht nicht, eine 50er-Jahre-Wendeltreppe auf einer Drehbühne, die farbig von der Seite ausgeleuchtet auch mal aussieht wie eine Industrieruine in der Dämmerung. Was darin vor sich geht, ist weniger überzeugend.

Zunächst soll das komische Potential des Stückes ausgespielt werden. Es herrscht ein grauenvoll infantiler Ton. So als wäre nie daran zu denken gewesen, dass Blanches Phantasien von der Grandezza untergegangener Südstaatenaristokratie nicht nur Quatsch und Lebenslüge enthalten, sondern in Wahrheit eine ultramoralische Haltung: Sie will die Dinge nicht sehen, wie sie sind, sagt sie, sondern wie sie sein sollten. Dagmar Manzel spielt Blanche als schrullige Lehrerin mit einem Sex-Fimmel, die kurz vorm Klimakterium noch mal richtig aufdreht, säuft wie ein Loch und halt ständig eins auf den Deckel kriegt. Was Manzel nicht daran hindert, immer weiterzugackern, die Rolle so dreist zu überspielen, bis es wirklich peinlich wird. Die anderen Schauspieler haben nichts zu melden. Besonders nicht Robert Gallinowski als Stanley Kowalski, ein feister Fettsack in roter Bowlingjacke, dem man weder latente Gefährlichkeit noch erotische Ambivalenz auch nur für eine Sekunde abnehmen kann. Und um die sollte es ja gehen. Stattdessen wird nach Vergewaltigung und Zusammenbruch Blanche mit der obligatorischen Zwangsjacke gedroht wie in einem gespielten Witz. Und das ist alles nicht nur überdeutlich ausgereizt, es ist überdeutlich bekloppt.

Text: Andreas Hahn

Foto: Thomas Aurin

tip-Bewertung: Uninteressant

Endstation Sehnsucht
Berliner Ensemble, 31.3., 20 h, 21., 23.4., 19.30 Uhr

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