Theater

Erika Stucky bei Schweizgenössisch im Radialsystem

Dem Jodeln geht es ähnlich wie der Blasmusik – von Piefigkeit und Volkstümelei über Jahrzehnte eingekeilt, bahnt es sich Schritt für Schritt den Weg in den urbanen Kulturalltag. Dabei gehört es zu den ältesten menschlichen Verständigungsformen, die weiß Gott nicht nur in den Alpen zu Hause ist. Wo immer man über weite Distanzen Nachrichten austauschen musste, wurde gejodelt. Jodeln ist gewissermaßen ein prähistorischer Vorläufer von Telegramm und E-Mail. Gejodelt wird in Afrika, im Kaukasus, bei den Eskimos, in Lappland und Südost­asien. Der Schweizer Jodler fand über die Auswanderer Eingang in Blues und Country Music. Jimmy Rogers und Hank Williams waren begnadete Jodler, und im Jazz verschmolz das Jodeln mit dem Scat-Gesang zu einer eigenen Kunstform.
Erika Stucky verpasst dem ­Jodeln nun ein neues Image. Sie verbindet archaische Musik­formen wie Alpenfolk, Blues und traditionellen Jazz über avant­gardistische Brücken, reichert sie mit Rock’n’Roll, Grunge und Dance Pop an und verdichtet all diese Einflüsse zu einer atem­beraubenden Performance. Sicher sind ihre Suicidal Yodels, wie ihr neues Programm heißt, gewagt, doch um Provokation geht es ihr nicht. „Oft sind die Leute in meinen Konzerten einfach nur baff. Die gucken mich mit offenem Mund an, und ich denke, Ihr gewöhnt euch schon noch an mich. Manchmal erschrecke ich selbst vor meinem Mut. Dann versuche ich, den Aufprall zu mindern und die Leute zu beruhigen.“

DieSchweizerin mit amerikanischen Wurzeln fügt zusammen, was nicht zusammengehört. Und doch funktioniert es in ihrer ganz eigenen Welt, denn die begnadete Multitaskerin spult nicht einfach nur ihre Nummern ab, sondern lebt ihr bizarres Gejodel mit jedem Molekül ihres Körpers. Sie begleitet sich selbst mit Akkordeon, Kassettenrekorder und selbst gebastelten Loops und illustriert die ganze Performance mit spontan eingespielten Super-8-Filmen. Ihre unbändige Lust am Tabubruch basiert auf einer Faszina­tion der Einschränkung. „Ich liebe Grenzen, mag Behinderungen. Ich finde es gut, wenn mir jemand zwei Buntstifte gibt und sagt, er hat die anderen fünfzehn verloren. Grenzen, politisch wie musikalisch, machen mir keine Angst. Als ich aus San Francisco kam, wuchs ich in einem Tal in Wallis auf und fand diese schroffen Steine, die mich begrenzten, kuschelig. Wenn ich weg will, kann ich ja rüberfliegen.“
Im doppelten Sinne eine Überfliegerin führt Erika Stucky verschiedene Zustände von zeitgenössischem Pop auf den Urlaut des Jodlers zurück. Glück auf!        

Text: Wolf Kampmann
Foto: Nici Jost

Erika Stucky – Schweizgenössisch
im Radialsystem V, Sa 31.7., 20 Uhr, AK: 22 Ђ

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