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Kultur

Es bleibt in der Familie

Hakoah Wien

Bleiben oder gehen? Michael Fröhlich (Michael Ronen) soll als Soldat der israelischen Armee in Wien das Image seines Landes mit sympathiewerbenden Vorträgen aufpolieren. Gute Idee eigentlich. Bloß begeht der junge Israeli bald Fahnenflucht. Michael stößt in Wien auf familiäre Wurzeln: Sein Großvater Wolf war hier Kicker beim jüdischen Sportverein Hakoah (hebräisch für Kraft), bevor er 1936 nach Palästina ging, um den jüdischen Staat mit aufzubauen. Er ließ dafür auch seine Geliebte zurück. Deren Enkelin Michaela Aftergut (Birgit Stöger) entdeckt alte Liebesbriefe – und die eigene jüdische Identität. Sie trifft auf den jungen Fröhlich und verliebt sich in ihn.
Mit der ihr eigenen Gewitztheit beschreibt Yael Ronen in „Hakoah Wien“ lauter gegenläufige Bewegungen. Zwischen gestern und heute, Israel und Europa. Das Stück, 2012 uraufgeführt am Schauspielhaus Graz, wird jetzt vom Gorki Theater in den Spielplan übernommen, wo Ronen Hausregisseurin ist. Es ist ein virtuoses Spiel mit der eigenen Familiengeschichte. Nicht nur, weil Yaels Bruder Michael (selbst auch Regisseur und ein überraschend guter Performer) die eigene Zeit in der israelischen Armee und den Weggang aus Tel Aviv einfließen lässt. Auch die Großvater-Erzählung basiert auf authen­tischer Familienbiografie. Hakoah-Spieler Wolf Fröhlich hat in Eretz Israel als überzeugter Zionist zwei Kibbuzim gegründet.

Im Programmheft gibt es einen spannenden Familiendialog zwischen Yael, Michael und ihrem Vater Ilan Ronen zu lesen, der in Tel Aviv das Habima Nationaltheater leitet. Das Gespräch geht auf eine Proben­improvisation zurück, beschreibt aber real existierende Generationenkonflikte. Während immer mehr junge, gut ausgebildete Israelis das Land verlassen – allein in Berlin leben mittlerweile einige Tausend – halten ihre Eltern an der zionistischen Idee fest.
Ilan zu Michael: „Du hast dich früher nie für unsere europäischen Wurzeln interessiert. Deine Geschichte beginnt am Mittelmeer.“ „Ja, klar“, so der Sohn spöttisch. „Das Narrativ beginnt mit den Flüchtlingsbooten aus Europa und endet mit den Arabern, die uns ins Meer zurückjagen wollen. Das ist das ganze Konzept“.

Tatsächlich findet in Berlin gerade eine Art Ronen-Familientreffen statt. Vater Ilan, Jahrgang 1948 und seit über vier Jahrzehnten Theatermacher, inszeniert in der Komödie am Ku’damm Tracy Letts’ schwarze Komödie „August: Osage County“, auf Deutsch: „Eine Familie“. Seine erste Regie in Berlin. Das Stück beschreibt in bester Tradition von Tennessee Williams oder Eugene O’Neill eine Zusammenkunft, bei der sich vor allem die tablettensüchtige Mutter und ihre drei erwachsenen Töchter die Lebens­lügen und Gemeinheiten um die Ohren hauen.
Ilan Ronen ist stolz auf die Theaterkarrieren seiner Kinder, wie er in einem Interview betont hat. Nur sieht er es mit gemischten Gefühlen, dass die in Berlin stattfinden, nicht in Tel Aviv. „Ich bin nicht sicher, ob ihr Großvater das gutgeheißen hätte.“

Text: Patrick Wildermann

Foto: Ute Lankafel

Hakoah Wien
Maxim Gorki Theater Sa 24.1., 19.30 Uhr, So 25.1., 18 Uhr, Karten-Tel. 20 22 11 15

Eine Familie
Komödie am Kurfürstendamm Do 22.1., 20 Uhr (Premiere), 23.1.–13.2. en suite (außer Mo), Karten-Tel. 88 59 11 88

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