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Uraufführung

„Es gibt eine perverse Sehnsucht nach Krieg“ – Gespräch mit Marius von Mayenburg

Marius von Mayenburg über Trumps Horror-Theater, sein neues Stück „Peng“, Rucola-Moral und Saugroboter

Foto: Arno Declair

tip Herr von Mayenburg, Sie haben mit Ralf Peng ein Monster geschaffen, das schon vor der Geburt seine Zwillingsschwester im Mutterleib erwürgt, als kleines Kind seinem Geigenlehrer ein Auge ausschlägt und danach zügig die Weltherrschaft anstrebt. Was macht Killer, die sich von Moral nicht weiter stören lassen, so attraktiv für das Theater?
Marius von Mayenburg Genau das: dass sie sich von Moral nicht stören lassen. Ich freue mich immer, wenn im Theater ein richtig mieser Fiesling auftritt. So ein Bösewicht ist ein großes Freiheitsversprechen. Gesellschaftliches Zusammenleben bedeutet ja eine Menge Triebkontrolle. Wir haben gelernt, uns einigermaßen zu benehmen, unsere niedrigen Instinkte sind mehr oder weniger erfolgreich domestiziert. Aber das ist irrsinnig anstrengend. Der Bösewicht verspricht, dass wir uns im Versuchslabor Theater mal zwei Stunden gehen lassen dürfen. Also schmeißen wir mit ihm zusammen lustvoll alle Rücksichtnahme aus dem Fenster, wir mutieren für die Dauer des Stücks zum Egoshooter. Praktischerweise werden die klassischen Bösewichte, Jago oder Richard zum Beispiel, immer rechtzeitig vor Stückschluss wieder eingefangen, und man kann beruhigt nach seinem geparkten Auto suchen und nach Hause fahren. Das Böse wird goutiert, ist aber letztlich besiegt und bleibt im Theater. Schwierig wird es, wenn so ein Fiesling aus dem Theater ausbricht in die Politik und mit dem Versprechen der großen amoralischen Freiheit eine Wahl gewinnt. Wenn also die Politik theatralisiert wird. Der Politiker wird zur Rampensau, der Wähler zum Voyeur und die Regierungsarbeit zur Pornografie.

tip Die Eltern des kleinen Ralf Peng sind Karikaturen aus dem schwarz-grünen Prenzlauer-Berg-Milieu, die durch Distinktionskonsum ökologisch korrekter Lebensmittel die eigene moralische Überlegenheit demonstrieren und die innere Leere kaschieren. Hat diese saturierte Selbstgefälligkeit den fröhlichen Amoklauf eines Ralf Peng redlich verdient?
Marius von Mayenburg Ich glaube, diese selbstzufriedenen Lebensentwürfe erledigen sich von selbst, dafür braucht es keinen Ralf Peng. Diese Glücksvorstellungen speisen sich rein aus dem Privaten und gehen deshalb auch folgerichtig im privaten Unglück unter. Davon zehrt die Dramenliteratur seit dem neunzehnten Jahrhundert. In meinem Stück nutze ich die Familie eher als ein Modell, um zu erzählen, wie durch Verharmlosung, Eitelkeit und die Verkennung offensichtlicher Gefahr ein Monster auf die Welt losgelassen wird, das man dann nicht mehr eingefangen bekommt. Das ist in meinen Augen genau das, was beim Brexit oder der Präsidentschaftswahl in den USA passiert ist. Und insofern bekommen wir tatsächlich das, was wir verdient haben. Aber nicht, weil wir so bescheuert sind und meinen, dass wir durch Rucola-Verzehr moralisch auf der sicheren Seite sind, sondern weil wir aus Faulheit und Arroganz die Politik denen überlassen, die die Welt zurück in die 1940er Jahre bomben wollen.

tip Schon bevor er auf die Welt kommt, wünscht sich Ralf Peng, „dass es mal hineinknallt in diese unerträglich phlegmatische Stille in Europa, dass es mal ordentlich hineinkracht in diesen nicht enden wollenden, unnatürlich langen europäischen Frieden, peng!“ Was haben Sie und Ihr Geschöpf Ralf Peng gegen den gemütlichen Frieden?
Marius von Mayenburg Ich glaube, dass es eine perverse Sehnsucht nach Krieg gibt. Von der spricht Ralf Peng hier. Logisch, dass ich diese Sehnsucht nicht teile. Aber im Theater ist für mich als Zuschauer der Erkenntnisgewinn immer dann am höchsten, wenn ich mich mit Figuren und Positionen identifiziere, mit denen ich im wirklichen Leben nichts zu tun haben will.

tip Ihr Ralf Peng ist eine gelungene Mutation von Alfred Jarrys „König Ubu“. Können in Zeiten von Trump nur noch solche grotesken Monstren die Farcen der Politik ins Theater holen? Wird das Grand Guignol zum realistischen Genre?
Marius von Mayenburg Ja, oder andersrum: Die Realität wird zum Grand Guignol. Populismus ist ja nichts anderes als politischer Grand Guignol. Die niedrigen Instinkte werden bedient, man spielt mit der Angst der Leute und gibt ihnen das, was ihre aufgepeitschten Instinkte fordern: Infantile Gewalt, Menschenopfer, Triebabfuhr. Trump betreibt im Grunde die Grand-Guignolisierung der Politik. Es ist doch so, dass man jeden Morgen nachschaut, was er über Nacht wieder Idiotisches oder Verheerendes angestellt hat. Da findet eine groteske Fiktionalisierung von Wirklichkeit statt: Die Regierungsgeschäfte des amerikanischen Präsidenten werden zur Reality-Soap, gegen die House of Cards wie ein Krippenspiel wirkt. Natürlich könnte man darauf auch mit den Mitteln des Dokumentartheaters oder mit improvisierten Laienspielprojekten reagieren, aber ich finde, wir sollten der Politik die Kunst der Fiktion nicht kampflos überlassen.

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Sie schrecken nicht davor zurück, Deutschlands beliebtestes Küchengerät, den Thermomix, zu verhöhnen: „Der Pengustaio Kitchen-Master wäscht und hackt die Zutaten nicht nur, er bereitet daraus auch wohlschmeckende, fettarme Speisen, die er im nächsten Arbeitsgang selbst verzehrt und nach modernen Recycling-Gesichtspunkten zu Kot verarbeitet und ausscheidet,“ sagt Ralfs Mutter. Haben Sie eigentlich vor gar nichts Respekt?
Marius von Mayenburg Doch, klar. Ich mag Roboter. Die sind echt nützlich. Neulich hat mir ein Schauspieler von einem Bekannten erzählt, der hat sich so einen Saugroboter angeschafft. Dieses Ding sollte in seiner Abwesenheit automatisch durch die Wohnung kurven und den Boden saugen. Das hat auch super funktioniert, nur war seine Katze währenddessen allein mit dem Roboter, und die hat  – verängstigt oder einfach aus Katzentücke – mitten ins Wohnzimmer ihren Haufen gemacht. Und als der Bekannte dann nach Hause gekommen ist, hatte der Roboter alles flächendeckend in der gesamten Wohnung verteilt. Ich find es toll, so ein Gerät, das mitdenkt und einem die Arbeit abnimmt. Das hol ich mir auch.

Schaubühne Kurfürstendamm 153, Charlottenburg, Eintritt 7–48 €

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