Theater

Eugen Onegin an der Schaubühne

eugen_oneginIn seinen besten Inszenierungen hat der Lette Alvis Hermanis, einer der großen Regisseure des gegenwärtigen europäischen Theaters, alleine aus der detailgenauen, unaufgeregten Beobachtung von Alltagsvorgängen hoch spannende Abende entwickelt. Für die erste Inszenierung, die er in Berlin nicht nur als Gastspiel zeigt, sondern hier als Produktion der Schaubühne entwickelt hat, hat er sich eine schön verspielte, etwas ins kabarettistische lappende, aber in keiner Minute schwerfällige oder platte Version des Vers-Romans „Eugen Onegin“ von Alexander Puschkin, erschienen 1832, ausgesucht. Der witzige, spöttische Tonfall der ganzen Inszenierung passt durchaus zur Vorlage, die anders als Tschaikowskys Opern-Bearbeitung nicht im romantischen Überschwang des Gefühls badet, sondern sich in knappen, leichten Versen (sehr schön in der bei Manesse erschienenen Übersetzung Ulrich Buschs, die auch die Schaubühnen-Fassung benutzt) über die gespreizten Ennui- und Dandy-Posen wie die erotischen Manöver ihres Helden lustig macht.

Hermanis setzt seine Figuren auf eine sehr schmale, dafür ungemein breite Bühne direkt vorne an der Rampe, zugerümpelt mit Bett, Sesseln, Canapйs, einer Holzbank, der bürgerlichen Gemütlichkeitsausstattung des 19. Jahrhunderts, die hier etwas Vermufft-Verliesartiges bekommt (Bühne: Andris Freibergs).

Neben der durchgehenden Ironisierung setzt Hermanis auf zwei dramaturgische Kniffe. Er führt eine Erzählerfigur ein (mit schön kühlem Spott: Robert Beyer), die gegen Ende des Abends im vollen Ornat als Puschkin-Double für Heiterkeit sorgt. Die Onegin-Erzählung wird mit Anekdoten aus Puschkins Leben verschränkt, etwa dem unsinnigen Duell-Tod des Dichters in jungen Jahren, ein Ende, das er seinem Helden Onegin (blass: Tilman Strauß) bei dessen Duell erspart. Zweiter dramaturgischer Eingriff Hermanis‘: Die anfangs leger gekleideten Darsteller, neben Onegin sein Freund Lenski (komisch: Sebastian Schwarz) und ihre beiden etwas unglücklich Geliebten (Eva Meckbach, Luise Wolfram), verwandeln sich nach und nach in aufgeputzte, von mächtigen Perücken geschmückte, mit aufwendigen Korsetts steif und aufrecht gehaltene Upperclass-Salon-Insassen des russischen Adels. Dazu gibt es heitere Erklärungen, etwa zu den Hygienegepflogenheiten im 19. Jahrhundert und den morgendlichen Ankleidungsritualen des Dandys Onegin. Das ist alles etwas flach und harmlos witzelnd, aber dank Hermanis‘ Hochpräzisions-Regie auch sehr gekonnt und im Spiel der gut aufgelegten Schauspieler nicht ohne Charme.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Thomas Aurin

tip-Bewertung: Annehmbar

Termine: Eugen Onegin
Schaubühne

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