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"Exodus" an der Volksbühne

"Exodus" an der Volksbühne

Schon Frank Castorf hatte in seine "Brüder Karamasow"-Inzenierung Textpassagen des Moskauer Anarcho-Dichters DJ Stalingrad (im bürgerlichen Leben: Piotr Silaev) eingebaut. Hier verbinden sich freilaufende Hass-Phantasien, Radikal-Opposition gegen das Putin-Regime und Ekel vor der westlichen Dekadenz zu einem Molotow-Cocktail der Ideologien, der am liebsten jeden Konsens in die Luft jagen würde. Die wütenden Amoklauf-Gesänge aus DJ Stalingrads Roman "Exodus" (auf deutsch erschienen bei Matthes & Seitz) ?wirkten wie eine direkte Fortschreibung ?Dostojewskis in die Gegenwart.
Jetzt widmet Sebastian Klink dem Romanstoff einen ganzen Volksbühnen-Abend, eine hochenergetische Punk-Oper. Klink versucht erst gar nicht, den Roman nachzuerzählen, lieber dockt er an dessen Haltung an – eine Feier des selbstzerstörerischen Exzesses aus dem Geist des Nihilismus. Während die Desperados (Margarita Breitkreiz, Alexander Scheer, Rouven Stöhr, Patrick Güldenberg) durch den Innenraum der Volksbühne toben, zelebriert die Aufführung genüsslich, wie Heroin oder ein anderes Gift für den nächsten Schuss aufgekocht wird.
Für hart geknüppelten, wenn auch deutlich zu leisen Trash Metal sorgen "The New World Order", die (als wäre die Band ein gefährliches Raubtier) auf der Bühne in einem Käfig eingesperrt ist, an dessen Gittern Alexander Scheer (noch so ein gefährliches Bühnenraubtier) immer wieder gerne wagemutig hochklettert.
Weil die Premiere kurz vor Ostern stattfand, kamen wir in den Genuss einer lustigen Kreuzigung.
Jemand behauptet, dass der Teufel nicht schläft, aber der Teufel ist das kleinste Problem dieser postsowjetischen Lost Generation. Für die Alternative zur Putin-Diktatur, den "pragmatischen Nihilismus und die müde Raffgier" des Westens, haben sie nur Verachtung übrig: "Wir kauen kein Kaugummi, wir kauen den Schmerz, der zieht uns ins Grab." Zum Trost oder damit es auf dem Weg ins Grab schneller voran geht, regnet dekorativ Kokain von der Decke. Was will man mehr an einem heiter-düsteren Abend, der den leicht breitbeinigen Absturz aufs Schönste zu feiern versteht.   

Text: Peter Laudenbach

Foto: Thomas Aurin

Volksbühne Sa 9.4., 21.30 Uhr, Sa 23.4., 22.30 Uhr; 25, erm. 15 Euro

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