Theater

F.I.N.D. 2014 in der Schaubühne

Daisy_1393416256_c_www.christianberthelotWarum nicht mal 240 Stunden im Theater verbringen und sich von der Lebensgeschichte eines kannibalisch veranlagten kanadischen Pornostars inspirieren lassen? Das Festival Internationale Neue Dramatik (F.I.N.D.) an der Schaubühne macht’s möglich. Der Künstler Thomas Bo Nilsson richtet im Studio für zehn Tage die Dauerinstallation „Meat“ ein, die rund um die Uhr begehbar sein wird. Ideengeber für Nilsson, bis vor Kurzem Bühnenbildner des Performance-Kollektivs SIGNA, ist ein gewisser Luka Rocco Magnotta. Der Pornodarsteller geriet vor zwei Jahren in die Schlagzeilen, weil er seinen Geliebten getötet, zerstückelt, zum Teil aufgegessen und einzelne Körperteile an kanadische Politiker und Polizisten verschickt haben soll. Ziemlich unappetitliche Story also. Gefasst wurde Magnotta – hier kommt der Berlin-Bezug! – im Juni 2012 in einem Internetcafй in Neukölln, während er sich selber googelte. Eitelkeit rächt sich eben.

„Thomas Bo Nilsson wohnt genau um die Ecke dieses Ladens“, erzählt Schaubühnen-Dramaturgin Maja Zade, die fürs F.I.N.D. -Programm mitverantwortlich ist. Weswegen nun im Studio das Internetcafй aufersteht, außerdem die Wohnung Magnottas, ein Nachtclub, ein Spätkauf, eine Berliner Kneipe, ein Asia-Imbiss. „Man kann dort viel Zeit verbringen“, verspricht Zade. Das Ganze klingt sehr nach den typischen SIGNA-Arbeiten, die ja meist theatrale Mitwohn-Aktionen mit etwas zweifelhaftem Echtheits-Appeal waren (wie zuletzt die Dante-im-Puff-Show „Club Inferno“). Allerdings scheint beim Solokünstler Bo Nilsson ein gewisser Hintersinn auf. „Er ist fasziniert davon, dass Magnotta 50 bis 60 verschiedene Online-Identitäten auf facebook und anderen Portalen hatte“, so Zade. „Das Projekt erforscht die Selbstbespiegelung einer Dorian-Gray-Figur.“

Selbstmord eines Aktivisten

Die sozialen Medien als Tummelplatz der Exhibitionisten, Aktivisten und sonstigen Selbstdarsteller sind ein Schwerpunktthema dieser 14. F.I.N.D.-Ausgabe. In der Installation „33 RPM and a few Seconds“ des libanesischen Künstlers Rabih Mrouй rattern unermüdlich die Posts auf dem facebook-Account des linken Aktivisten Diyaa Yamout, der sich das Leben genommen hat. Nicht aus politischen Gründen, wie er im Abschiedsbrief betont. Dennoch sind den Verschwörungstheorien und Vereinnahmungsversuchen alle Online-Tore geöffnet. „Die Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit“, erzählt Mrouй. „Wir haben nur den Namen des Protagonisten geändert.“ Die überschießende Kommentar-Schlacht ist ebenfalls ein Originaldokument. „Wir hatten Zugang zu seinem facebook-Account, der nach dem Tod noch aktiv blieb“, so Mrouй. „33 RPM …“ wirft die Frage auf, „ob wir eine Plattform wie facebook als öffentlichen Raum begreifen“. Zugleich spiegelt sich in der Arbeit die Situation eines tief gespaltenen Landes. „Es wird schlimmer und schlimmer“, stöhnt Mrouй, „hauptsächlich wegen des Krieges in Syrien, in den sich die Hisbollah eingemischt hat. Mit fatalen Konsequenzen für den Libanon.“ Mrouй beschreibt seine Heimat als ein Land im permanenten Krisenzustand.

F.I.N.D.facebook macht einsam

Fragt man den Argentinier Rodrigo Garcнa, was er für das größte Übel der Gegenwart hält, entgegnet er: „Gibt es ein einziges? Wenn ich eins auswählen müsste, würde ich sagen: facebook.“ Die Begründung ist von Furor: „Ein soziales Netzwerk, das bis zur Grenze des Skandalösen das Asoziale stimuliert. Ein falsches Beruhigungsmittel, das die Einsamkeit verschärft, statt sie zu lindern.“ Garcнa ist Stammgast an der Schaubühne, von ihm stammen die schönen Stücke „Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch“ und „Notizen aus der Küche“ – beides wild assoziative Kopf-Trips. Seine jüngste Arbeit „Daisy“ wird als „Reise mitten ins Herz der Verzweiflung“ angekündigt. Viel konkreter vermag es der Autor-Regisseur selbst nicht zu fassen. „Das Thema, das sich durch alles zieht, ist die Einsamkeit“, sagt er. „Die Einsamkeit von Männern und Frauen, begleitet von Haustierchen, Kakerlaken und vor allem von Worten.“ Aha! Sicher ist jedenfalls: Tiere werden eine Rolle in „Daisy“ spielen. „Tier voller Mysterien“, um genau zu sein. „Weinbergschnecken in ihrem Bunker, den sie auf dem Rücken tragen. Schildkröten, die an den Ursprung des Universums erinnern. Kakerlaken, die nahezu unverwüstlich sind und alle Katastrophen überleben“, beschreibt Garcнa seinen Bühnenzoo. Höchst vielversprechend. Wenn facebook schon lange untergegangen ist, wird die Kakerlake sich noch munter vermehren.

Versuche, die Welt zu verändern

Ein anderer Festivalhöhepunkt könnte Аlex Rigolas Adaption des Monumentalromans „2666“ von Roberto Bolaсo mit Schaubühnen-Schauspielern werden. Oder die „Peter Pan“-Bearbeitung „El sнndrome de Wendy“ der berüchtigten Provo-Künstlerin Angйlica Liddell, die J. M. Barries Märchen nach Utшya verlegt, wo Anders Breivik 69 junge Menschen ermordete. Im Stück der mexikanischen Gruppe Lagartijas Tiradas al Sol („Ich schmelze mit einem Streichholz den Schnee eines Vulkans“) reflektieren die Performer ihre Jugend unter dem Machtkartell der Regierungspartei PRI. Als der Demokratisierungsprozess im Land einsetzte, waren sie gerade volljährig.

F.I.N.D._meat_stills05_c_MattLambert.Vor zwei Jahren mussten sie relativ fassungslos miterleben, wie die PRI an die Macht zurückgelangte. Worauf sie sich anhand von Interviews mit drei Generationen einer Familie einen Reim zu machen versuchen. Die chilenischen Kollegen vom Kollektiv La Re-sentida formulieren ihren Anspruch etwas globaler. „Der Versuch ein Stück zu machen, das die Welt verändert“, heißt ihre Arbeit. Erzählt wird von Schauspielern, die aus Protest gegen die Regierung in den Untergrund gegangen sind. Genauer gesagt, in den Keller. Dort sitzen sie nun und probieren verschiedene Formen des politischen Theaters durch, unter anderem eine „Marat-Sade“-Inszenierung mit Marionetten. Klingt erfreulich selbstironisch. Zumal sich am Ende die angeprangerten Verhältnisse überraschend in Wohlgefallen auflösen. „Es gibt keine Arbeitslosen, keine Armen mehr“, so Zade. Vermutlich auch keinen Kannibalismus. Und kein facebook.

Text: Patrick Wildermann

Fotos: von oben nach unten: www.christianberthelot.com, Matt Lambert, Gianmarco Bresadola

F.I.N.D. 2014 – Festival Internationale Neue Dramatik Schaubühne, 3. bis 16. April, www.schaubuehne.de, Karten-Tel. 89 00 23

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