Theater

F.I.N.D.-Festival 2012

F.I.N.D._2012_BlitzFrüher hat das Festival Internationale Neue Dramatik (F.I.N.D.) überwiegend neue Gegenwartsstücke aus im deutschen Stadttheater eher unterrepräsentierten Regionen gezeigt, von Nah- und Fernost bis Balkan und Kanada. Inzwischen wird das Festival-Profil etwas weiter gefasst, es gibt mehr Gastspiele als szenische Lesungen. Und die Stofflieferanten heißen diesmal unter anderem Shakespeare und Strindberg. Gut, die können wenigstens schreiben, aber dass sie keine Newcomer sind, räumt auch Schaubühnen-Dramaturg Nils Haarmann ein. Der Fokus der aktuellen F.I.N.D.-Ausgabe, erklärt er, liege auf Arbeiten, „die starke Zugriffe, Bearbeitungen oder Textmontagen durch zeitgenössische Autoren sind“. Wie die Fassung von Strindbergs „Fräulein Julie“, die der russische Dramatiker Michail Durnenkow ins heutige Russland verlegt hat. In der Moskauer Inszenierung von Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier erzählt diese Gegenwartsversion von einer Klassengesellschaft: Titelfräulein Julie ist Oligarchen-Tochter, Diener Jean ein Chauffeur mit Kampferfahrung im Tschetschenien-Krieg.

Der polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski lässt in seiner Arbeit „Afrikanische Erzählungen nach Shakespeare“ drei Shakespeare-Figuren – Othello, Shylock und Lear – auf Texte des südafrikanischen Nobelpreisträger J. M. Coetzee treffen. Zentrales Thema des assoziativen Fünf-Stunden-Panoramas aus elisabethanischer Epoche und Apartheid ist, so Haarmann, „das Ausgeschlossensein“. Und der Franzose Mikaël Serre führt in „L’Impasse, I am what I am“ das Suizid-Solo „Wunschkonzert“ von Franz Xaver Kroetz mit dem Pamphlet „Der kommende Aufstand“ des anonymen Autorenkollektivs „Unsichtbares Komitee“ zusammen.
Die Schaubühne hat fünf Stückaufträge an junge Dramatiker aus aller Welt vergeben, die sich im Kudamm-Hotel „Bogota“ einquartierten und 15-minütige Szenarien erfinden durften. Im Gebäude der heutigen Herberge war während des Krieges die Reichskulturkammer beheimatet, später fanden dort die Entnazifizierungsprozesse auf dem Kultursektor statt, Künstler wie Furtwängler oder Gründgens wurden verhört. Da sind noch Entdeckungen offen.           

Text: Patrick Wildermann

Festival Internationale Neue Dramatik (F.I.N.D.)
Schaubühne,
1.–11.3.,
Karten-Tel. 89 00 23, 

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