Theater

Fassbinder tifft Schumann im Supermarkt

tropfensteine_01__Benjamin_KriegDer Handlungsreisende Leopold (Walter Sprungala) mag ja kein unerfreulicher Anblick sein. Aber die Pascha-Allüren, die er gegenüber seinem von der Stra?e aufgelesenen Sexualpartner Franz (Dominik Kleinen), einem schön androgynen Hausmann mit Kittelschürzenappeal, an den Tag legt, trüben das Paarleben doch gewaltig. Nun verkündet, wer die Allgegenwart partnerschaftlichen Elends auf die Bühne hebt, zwar keinesfalls Neuigkeiten. Aber so vital wie in dem leer stehenden Supermarkt in der Kreuzberger Wrangelstra?e 85 präsentieren sich die Abgründe des eheähnlichen Gemeinschaftslebens trotzdem selten.

Denn die Oper Dynamo West – eine freie Gruppe, die sich auf die Erkundung ausgemusterter Berliner Westbezirksimmobilien spezialisiert hat und vom Hebbel am Ufer koproduziert wird – legt sich mit Rainer Werner Fassbinders Stück „Tropfen auf heiße Steine“ tatsächlich auf eine Art und Weise ins Zeug, die man von der Off-Theater-Generation „Projekt“ gar nicht mehr gewöhnt ist: Als richtiges Schauspieler-, Sänger- und Musikertheater, das den Plot stringent durchspielt, nicht auf Biegen und Brechen postdramatisch sein muss, wo es gar nicht angebracht ist, und Fassbinders unerbaulichen Kommentar zu Gewöhnung, Macht und Abhängigkeit zumindest so ernst nimmt, dass es ihn ironisch mit Robert Schumanns romantischem Liederzyklus „Frauenliebe und -leben“ kollidieren lässt – toll gesungen und gespielt von Sabine Hill und dem Pianisten Stefan Paul.

Mag sein, dass die eine oder andere Länge zu überbrücken und die Kritikerinnenbegeisterung nicht zuletzt diesem relativen Alleinstellungsmerkmal geschuldet ist. Aber selbst wenn – ein ordentlich gespielter Fassbinder mit guten Akteuren ist nun mal definitiv besser als ein schlecht postdramatisierter.

Text: Christine Wahl

Tropfen auf heiße Steine

Ehemaliger Supermarkt in der Wrangelstra?e 85, Kreuzberg, 10.-12.7., 20 Uhr

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