Theater

Fast Fiction Theater im White Trash

Die erste Leiche liegt nach einer knappen Viertelstunde im White Trash. Die halb nackte Tänzerin sinkt zu Boden, nachdem sie ein Schuss in die Brust getroffen hat. Knapp über einer dieser kleinen schwarz-roten Quasten, die nun – quasi mit dem letzten Atem­zug – die Rotation beendet haben. Ein Gast macht noch schnell ein paar Fotos mit dem Handy, bevor die Dame mit einer jener rot-weiß karierten Tischdecken bedeckt wird, auf denen sonst die Burger und das Bier stehen. Der lustige Bühnentod gehört zu einer sehr speziellen Inszenierung: „Fast Fiction“ heißt die schrille Collage aus Szenen, Figuren und Zitaten aus allen mögli­chen Tarantino-Filmen. Die Handlung wird in Berlins besten Musik- und Burgerladen versetzt: Jules und Vincent, die Profi-Killer aus „Pulp Fiction“, kommen ins White Trash und treffen auf die Girl-Gang aus „Death Proof“, die gerade die „Reservoir Dogs“-Debatte übers Trinkgeld rekapituliert, um dann zu spekulieren, wie man wohl am besten die Freundin von Quentin Tarantino wird: Mit dem Sex ein bisschen warten, und dafür erst mal eine Fußmassage anbieten.
Später kauft Vincent ein Tütchen Bio-Heroin (ein bisschen teu­rer als der Rest), und aus dem Fünf-Dollar-Shake wird eine 7,50- Euro-Schorle. Die Gags funktionieren, weil sie vom Ensemble mal abgefuckt professionell, mal charmant dilettantisch und immer mit Verve gespielt werden. Die Hauptdarsteller bringen die lose verzahnten Episoden über die zwei Stunden, und Rampensäue sind sie hier eh alle. Allen voran die vielen Transvestiten in den verschiedensten Rollen.

Fast_Fiction_im_White_TrashGespielt wird auf Englisch, weil der wahre Fan die Dialoge, die hier parodiert werden, sowieso kennt und es im internationalen White Trash eh Amtssprache ist. Und dann lebt das Ganze natürlich davon, dass man oft nicht weiß, ob der Typ mit dem Cowboyhut oder die Frau in den Strapsen am Tisch nebenan vielleicht gleich die Knarre zieht und „Everybody be cool – this is a robbery!“ schreit.
Zusammengehalten vom Soundtrack einer Zwei-Mann-Band um die wunderbare Sängerin Becky Lee, trotzt das Regieteam Helen Suhr und Wolfgang Sinhart den Tarantino-Werken sogar eine radikalfeministische Deutung ab: Frauen sorgen nicht nur für die meisten Toten, sondern am Ende auch noch für Gerechtigkeit. Dass das Stück ein paar Längen hat? Geschenkt. Die haben Tarantinos Werke auch. Aber hier kann man sich zwischendurch wenigstens ein Bier bestellen.

Text: Björn Trautwein
Fotos: David Biene

(tip-Bewertung: Sehenswert)

Termine: Fast Fiction
im White Trash Fast Food,
Mi 24. bis So 28. Juni

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