Theater

„Fegefeuer in Ingolstadt“ im HAU1

Irgendetwas stimmt hier nicht. Die Figuren stehen wie ausgestanzt in dem weißen, spärlich möblierten Bühnenkasten. Sie sprechen die Dialoge aus Marieluise Fleißers kritischem Volksstück „Fegefeuer in Ingolstadt“, aber sie haben nichts von bayerischen Provinzlern der Zwanzigerjahre. Die drückende christliche Sexualmoral, der verzweifelt verliebte Außenseiter Roelle, die brutalen Spiele von Ausgrenzung und Gruppenzwang, die verschwitzte Sexualität, die verstockten Gefühle, die Angst – das alles ist da, aber so flirrend, überklar, wie unter einem Vergrößerungsglas im Menschenversuchslabor ausgestellt, dass folkloristische Reste zuverlässig weggeätzt sind.

Die Regisseurin Susanne Kennedy hat das 1924 uraufgeführte Stück in ihrer Inszenierung an den Münchner Kammerspielen aus dem Milieunaturalismus des Volksstücks geholt und den Stoff durch radikale formale Setzungen so fremd gemacht, dass man neu und durch eine merkwürdige Irritation hellwach zusieht und hinhört. „Es war wie ein Elektroschock, als ich das Stück gelesen habe. Das hat fast etwas Mittelalterliches, wie Gemälde von Brueghel oder Hieronymus Bosch, mit diesen verrenkten, besessenen Körpern und dieser Sprache, die sich in die Figuren hineinbohrt“, sagt die Regisseurin über ihre Arbeit. „Die Form ist aus dieser Sprache entstanden. Die reden oft in der dritten Person über sich selbst. Sie reden nicht direkt miteinander, sondern sprechen in eine seltsame Leere hinein. Man hat das Gefühl, dass die Sprache auf die Körper Druck ausübt, die Sprache übt Gewalt aus, sie tut weh. Es wirkt, als hätten die Figuren keine eigene Sprache und keinen Zugang zu sich selbst. Ich will die Sprache immer gerne untersuchen und unter die Lupe nehmen. Was ist Sprache eigentlich?“

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Diese Fähigkeit, so genau hinzuhören, dass die scheinbar selbstverständlich vertrauten Sätze fremd und unheimlich klingen, hat vielleicht auch damit zu tun, dass Susanne Kennedy die ersten zehn Jahre ihrer Regie-Karriere in Holland gelebt und gearbeitet hat. Als sie vor ein paar Jahren nach Deutschland zurückkam, hörte sie Deutsch fast wie eine Fremdsprache. Vielleicht ist das eine ideale Voraussetzung dafür, Fleißers dialekt-gefärbte Kunstsprache nicht mit Naturalismus zu verwechseln, sondern dafür eine eigene theatralische Form von dezidierter Künstlichkeit zu finden. Schließlich „sagt Fleißer selbst, dass ihre Figuren etwas Monströses haben; es darf nicht natürlich werden“, betont Susanne Kennedy.

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