Theater

„Fegefeuer in Ingolstadt“ im HAU1

Als kleine Geste des Respekts vor der wichtigsten deutschen Theaterautorin des 20. Jahrhunderts (deren einzig legitime Nachfolgerin in der Gegenwart die in ihrer Sprachbehandlung ähnlich radikale Elfriede Jelinek ist), schmuggelt Kennedy übrigens eine Fleißer-Doppelgängerin in den Abend, die unter strenger Frisur ungemütlich durch die dicken Gläser ihrer Hornbrille das Geschehen beobachtet.

Kennedys Inszenierung hat, ähnlich wie andere wichtige Arbeiten dieses Theatertreffens, etwas von einer Installation: eher ein Raum und ein Zustand als eine Erzählung. „Wir versuchen immer ein Gesamtbild herzustellen, den Kern eines Zustands“, sagt die Regisseurin über ihre Arbeitsweise. Deshalb sind ihr auch Film und bildende Kunst so wichtig. Für „Fegefeuer in Ingolstadt“ hat sie sich mit den klaustrophobischen Räumen von Gregor Schneider („Totes Haus u r“) und Roland Barthes’ Buch „Die helle Kammer“ beschäftigt, einem Essay über die Fotografie als einen gespenstischen Ort, an dem die Toten anwesend sind.

Etwas Gespenstisches haben auch die Figuren in Kennedys Inszenierung, wie Zombies oder Untote scheinen sie gleichzeitig an- und abwesend, tot und lebendig, schockgefroren, erstarrt und voller nicht gelebter Gefühle zu sein. Es dauert, bis man beim Zusehen versteht, was an diesen Figuren so irritierend ist. Ja, die Bühne ist ein weißer Kasten, aber etwas stimmt nicht damit. Ja, die Stimmen scheinen aus den Körpern der Spieler zu kommen, aber die Figuren wirken trotzdem wie fremdgesteuerte Puppen. Beides, Ton und Bild, hat etwas von einer Doppelbelichtung, bei der zwei identische Bilder um Bruchstücke von Millimetern ineinander verschoben sind. Die Stimmen der Spieler kommen aus dem Off, die Schauspieler folgen lippensynchron ihren eigenen, gespeicherten Dialogen – ein genaues Bild dafür, wie die Figuren in vorgestanzte Sprachmuster gebannt sind. Nicht sie verfügen über ihre Sprache, die Sprache verfügt über sie.

Weiterlesen: „Die letzten Zeugen“ dürfte eine der ungewöhnlichsten Produktionen in der Geschichte des Theatertreffens sein

Weil das so fein und millimetergenau gearbeitet ist, spürt man zwar eine leise Irritation, versteht aber lange nicht, woher die zombiehafte Künstlichkeit der Figuren rührt. Auch beim Raum arbeitet Kennedy mit so einem Kippmoment zwischen Realem und Irrealem: Ein Bild des Raums wird passgenau auf den Raum projiziert, realer Raum und das Bild des Raums scheinen flirrend ineinander zu verschmelzen. „Diese Körper in „Fegefeuer“ sind wie im Blitzlicht gefangen, sie müssten sich auf die Netzhaut des Zuschauers brennen“, sagt die Regisseurin über ihre Arbeit. Stimmt. Nach dem Theatertreffen können wir uns auf die nächsten Arbeiten dieser außergewöhnlichen Regisseurin freuen: Im kommenden Jahr wird sie am Maxim Gorki Theater inszenieren.

zurück | 1 | 2

Text: Peter Laudenbach

Fotos: Julian Röder / Leo van Velzen 2008

Fegefeuer in Ingolstadt„?, HAU1, Mi 7.5., 20 Uhr, Do 8.5., 16.30 Uhr, Fr 9.5., 19 Uhr, ?Karten-Tel. 25 48 91 00

Mehr über Cookies erfahren