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„Feinde – die Geschichte einer Liebe“ am Maxim Gorki Theater

Eine Holocaust Soap-Opera nennt die israelische Regisseurin Yael Ronen scherzhaft den Stoff für ihr neues Theaterprojekt „Feinde – Die Geschichte einer Liebe“ Schrecken und Witz, Alptraum und Lust, liegen in der Geschichte über einen Mann zwischen drei Frauen tatsächlich eng beieinander.
Der jiddische Schriftsteller Isaac Bashevis Singer hat sie im Jahr 1966 als Fortsetzungsroman in der jiddischen Zeitung „Forverts“ in New York veröffentlicht und auf diesem Weg Einblick in das Leben der Ostjuden in New York gewährt: moralischer Nullpunkt nach den Schrecken von Krieg und Flucht und dem Schock, überlebt zu haben.
Herman Broder, der schwache, überaus sympathische  Protagonist erinnert an ­Woody Allens spätere Neurotiker:  einst von den Nazis traktiert, sieht er auch in New York überall die Gespenster seiner  Vergangenheit. Der Alptraum hört einfach nicht auf. Verheiratet ist er mit dem schlichten polnischen Dienstmädchen Yadwiga, weil es ihm in der alten Heimat das Leben rettete. Seine Leidenschaft gilt der exzentrischen Mascha, die mit ihrer alten Mutter in der Bronx lebt. Als zu guter Letzt die totgeglaubte Ehefrau Tamara auftaucht und der fromme Rabbi wegen so viel Unordnung nur noch die Hände über dem Kopf zusammen schlagen kann, brechen Broders Lügengebäude endgültig zusammen.  Zwischen seinen Frauen taumelt der Antiheld, will sie alle haben, verspricht ihnen das Blaue vom Himmel – betrügt sie.  Der „Feinde“-Plot erinnert an die Tür-auf-Tür-zu-Dramaturgie klassischer Boulevard-Komödien. „Leichtigkeit und Schwere, das Zusammenspiel dieser Farben macht doch das Leben aus“, kommentiert Ronen die gemischte Tonalität des Romans.
Die 39-jährige Regisseurin, seit 2013 fest am Maxim Gorki Theater engagiert, bringt den Klassiker der jiddischen Literatur gemeinsam mit dem amerikanischen Klezmer-Musiker Daniel Kahn, einem Kenner und Liebhaber der jiddischen Kulturszene in den USA, auf die Gorki-Bühne.  Auf Deutsch, aber mit Liedern, in denen sich das Jiddische mit dem Englischen mischt. „Die Lieder geben lyrische  Ein­blicke in das Innenleben der Figuren“, kündigt Kahn an. Der Detroiter Musiker und Theatermann ist Mitglied einer jiddischen Kulturbewegung, die sich in New York in vielen Kunstrichtungen weiterentwickelt. In der schaurig schönen Seifenoper „Feinde“ steht Kahn jetzt als lebens- und liebeshungriger Rabbi auf der Bühne. Gemeinsam mit seiner Band The Painted Bird, mit der er Klezmer, Jazz und Punk mischt, hat Kahn die Musik zum Stück komponiert.
Etwas erschöpft wirkt Ronen, als sie zehn Tage vor der Premiere von der Vormittagsprobe ins Theaterfoyer kommt. Das Interviewaufkommen ist besonders hoch seit bekannt wurde, dass sie mit „The Situation“, einer Stückentwicklung über die Auswirkungen der politischen Lage im Nahen Osten auf einen Neuköllner Deutschkurs,  zum zweiten Mal in Folge zum Berliner Theatertreffen eingeladen ist und außerdem zu den Mülheimer Theatertagen.
Ronen stammt aus einer israelischen Theaterfamilie, war mit einem Palästinenser verheiratet und passt mit ihrer Arbeit genau ans Gorki Theater. Dessen künstlerische Leitung, Shermin Langhoff und Jens Hillje, gibt Künstlerinnen wie ihr den Raum, die bunte Vielfalt der Berliner Bevölkerung erzählerisch zu reflektieren. Ronen wird auch in Zukunft feste Regisseurin am Gorki bleiben, aber nun auch regelmäßig am Volkstheater Wien und an den Münchner Kammerspielen inszenieren.
Ihr direkter und persönlicher Zugriff auf die neuralgischen Punkte der Gegenwart, das beherzte Kehren vor der eigenen Tür, die enge Einbeziehung des Ensembles in die inhaltliche Arbeit, das sind die Mittel, mit denen Ronen punktet.  Jetzt aber will sie am liebsten nur über „Feinde“ sprechen, das Projekt, an dem sie bis zur Premiere weiter unter Hochdruck arbeitet. Sieht sie eine Parallele  zwischen der Geschichte um Broder und den Flüchtlingsschicksalen der Gegenwart?
Den Wink will Yael Ronen nicht mit dem Zaunpfahl geben.  Dass sie den 1966 veröffentlichten Roman mit seinen Auswanderungsgeschichten zu Zeiten der akuten Flüchtlingskrise in Berlin auf die Bühne bringt, spreche schließlich schon für sich. Familien­mitglieder, Gottvertrauen, Moral, Regeln, das alles haben die Geflüchteten damals wie heute auf ihren Routen verloren. Sie fühlen sich schuldig, weil sie überlebt haben. Und was ist ihnen geblieben? Die tragikomische Geschichte um Herman Broder handelt aus Ronens Sicht „von der Sucht nach Liebe, von Erotik als einem Anker, der die Halbtoten, die diese Überlebenden ja eigentlich sind, noch an das Leben kettet. Wenn sie das aufgeben, dann sind sie verloren.“

Text: Anna Opel

Foto: Esra Rotthoff

Maxim Gorki Theater Fr/Sa 11./12.3., Di 15.3., 19.30 Uhr, ?Eintritt 10-34, erm. 8 Euro

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