Theater

Feridun Zaimoglu im Gespräch

Feridun_Zaimoglutip: Herr Zaimoglu, Sie und Ihr Co-Autor Günther Senkel kommen zu den Autorentheatertagen mit Ihrem Stück „Alpsegen“, das Sebastian Nübling an den Münchner Kammerspielen inszeniert hat. Was bitte ist ein „Alpsegen“?  
Feridun Zaimoglu: Ja, der Alpsegen. Beim Auf- und Abtritt auf der Alm sprachen und sprechen noch heute die Bauern von einer Anhöhe aus ein Gebet. Der Alpsegen ist im Grunde ein Rückgriff auf die keltischen Anrufungen der Natur.

tip: Man muss die Geister um ihr Einverständnis bitten?
Feridun Zaimoglu: Das ist ein Abwehrzauber. Im Gegensatz zu den naiven Städtern, die glauben, dass die Natur ein Idyll sei, wissen die einfachen Menschen, die in die Natur gesetzt sind, dass die Natur brutal und grausam ist. Jedem Städter sei es freigestellt, aufs Land zu ziehen und beim Anblick von Kühen und Schafen zu seufzen bis die Rübe kracht. Die Natur als ein Ideal ist eine Erfindung von Großstädtern, die sich vielleicht für Romantiker halten. Aber es gibt in der großen Tradition der deutschen Romantik den Wunsch, das Dunkle und Abgründige der Natur nicht auszuklammern. Die deutschen Romantiker wussten um die Alpträume und den bösen Zauber.

tip: Ihr Stück spielt nicht auf einer Alm, sondern in München, mehr oder weniger in der Gegenwart. In diese Gegenwart brechen merkwürdige Geistererscheinungen ein. Was suchen diese Gespenster ausgerechnet im gemütlichen München?
Feridun Zaimoglu: Ich habe als Kind viele Jahre in München gelebt, und ich kenne den Föhn. Der Föhn weht in die Stadt und verwandelt die Menschen, und nicht unbedingt zum Guten. Man wird nervös, man sieht die Luft flirren, man wird plötzlich wütend.

tip: In Ihrem Stück wird ein braver Familienvater sogar schwul.
Feridun Zaimoglu: Der Föhnwind macht die Menschen nicht schwul, das waren sie dann wohl schon vorher. Aber der Wind macht etwas mit den Menschen, jung und alt. Daran habe ich mich erinnert. Der Wind weht jene Ausgesperrten und Ausgeträumten wieder hinein, die man im Zuge einer plumpen Aufklärung in die Bereiche der Magie und der Kindermärchen einsperren wollte. Diese heidnischen Gestalten sind plötzlich die wahren Herren dieser Stadt. Ich habe mich an die barocke Wucht des bayerischen Katholizismus erinnert, an die völlig andere Einstellung zum Körper. Man begeht die Sünde und macht die Sünde ungeschehen in der Beichte.

tip: Sie sind in München aufgewachsen?
Feridun Zaimoglu: Ja, meine Schwester hat ab und zu ein Dirndl getragen und ich habe mit Begeisterung Lederhosen getragen. München war großartig.

tip: Sind die Gebrüder Grimm, die Märchen gesammelt haben, in denen all diese irrationalen Kräfte wie in Ihrem Stück sehr real sind, für Sie als Autor Zeitgenossen?
Feridun Zaimoglu: Was haben die Gebrüder Grimm gemacht? Sie haben Volkes Erzählungen gesammelt und verschriftlicht. Demjenigen, der mir noch einmal mit der Behauptung kommen sollte, die mündliche Überlieferung von Geschichten und Märchen sei in der Literatur etwas, das es nur im Orient gebe, beiße ich die Nasenspitze ab. Die Gebrüder Grimm sind nicht meine Zeitgenossen, aber auf das Material, die Geschichten, die sie aufgezeichnet haben, beziehe ich mich gerne. Als Geschichtenerzähler horche ich auch auf Volkes Erzählungen. Ich bin nicht so arrogant und eitel, zu sagen, bloß weil die Märchen in anderen Begriffen, in anderen Bildern und Farben von der Furcht und einem großen Sehnen erzählen, weise ich das von mir. Die Gebrüder Grimm haben der Literatur eine starke, kraftvolle Quelle erschlossen.

tip: Was sind Ihre Quellen?
Feridun Zaimoglu: Ich will auf die fast unendlichen Möglichkeiten der deutschen Sprache nicht verzichten. Trotz Ironie-Theater, trotz Migranten-Theater-Blödsinn, trotz Übertragung der Mittel des Studentenscherzes auf das Theater: Das Theater steht und fällt mit der Sprache. Wir sind von Schwätzern umzingelt, wir werden vom Geschwätz penetriert. Für mich ist Sprache nicht ein Mittel zum Zweck um einen Plot zu transportieren, für mich sind Menschen nicht Gefäße für irgendwelche Thesen oder für eine dahin gekritzelte kleine Geschichte mit einem sogenannten Aktualitätsbezug. Das ist es nicht. Die Wirklichkeit des Theaters ist die Essenz und die Essenz ist die Sprache. So einfach ist es. Da können die Schulmeister, ob sie jetzt in irgendeiner Jury sitzen oder ob sie Kritiken schreiben, mir noch so viel erzählen. Um es böse zu sagen, und ich will es böse sagen: Das deutschsprachige Theater liegt darnieder, weil es sich mit 90 Prozent der heutigen Theaterstücke verhält wie mit Lebensratgebern und den Schundbüchern auf den Bestsellerlisten. Man stellt einen Aktualitätsbezug her, damit die Studienräte die Stirn runzeln können oder irgendwelche Leute aus dem Theaterbetrieb Zeitgenossenschaft und eine Lebensechtheit attestieren.

tip: Klingt kulturpessimistisch. Wo sehen Sie einen Ausweg?
Feridun Zaimoglu: Ich bin überhaupt nicht pessimistisch. Die Saisonarbeiter und Zeitgeist-Dienstleister kommen und gehen. Aber eine Sache bleibt, und das ist die Hochkultur. Es geht im Theater nur mit den Mitteln der Hochkultur. Hochkultur bedeutet Sprachmacht und Sprachpracht. Die einzige Fremdheit, die ich im Theater gelten lasse, ist die der großartigen Kunstsprache, die das Theater braucht. Was wir dagegen im Theater viel zu oft haben, ist Schund, Schund im schlechten Sinne des Wortes. Man erzählt keine Geschichten, man macht stattdessen Studententheater und hält das dann auch noch für hip.

tip: Ihr neuer Roman „Ruß“, der im August erscheint, erzählt vom Ruhrgebiet. „Alpsegen“ scheint auch von einem versunkenen München zu handeln, ein München, das noch nicht von Fußgängerzonen, Porschefahrern und Chi-Chi-Boutiquen zerstört ist. Interessiert Sie dieses versunkene Deutschland?
Feridun Zaimoglu: Ich erzähle Geschichten von Menschen, die sich nicht in der intellektuellen Blase des Kulturbetriebs aufhalten. Es gibt wirkliche Kunst und es gibt die Kunstblase. Es gibt bestimmte hippe Gegenden. In diesen hippen Gegenden wird man nicht klug und nicht glücklich. Dort wird man sehr schnell zermürbt. Was ich immer wieder suche, was mich immer wieder interessiert, sind kernige deutsche Szenen. Ich werde dafür belächelt und verhöhnt, als ein Provinztrottel, der gerne in Kiel lebt, aber ich werde mich nicht davon überzeugen lassen, dass mein Weg falsch ist. Man unterstellt mir Provinzialismus und weiß wahrscheinlich nicht, dass ich zum Beispiel auch in Istanbul gelebt habe. Ich werde belächelt für mein auch romantisches Ausdrucksgefühl, für mein pathetisches Verhältnis – und das kann ich begründen –, das ich zu den Wirklichkeiten in Deutschland habe. Ich stelle mich hin und sage: Großartig ist dieses, mein Land, Deutschland. Großartig sind die Szenen, die man in diesem Land erleben kann – sehet hin! Aber die Insassen der Kunstblase wollen nicht sehen.

tip: Sie sind neben Fatih Akin der wichtigste deutsche Künstler mit eingewanderten Eltern, also mit dem berühmten „Migrationshintergrund“. Derzeit kann man unter dem Trend-Label des „postmigrantischen“ Theaters ganz gut Karriere machen. Weshalb haben Sie vorhin etwas despektierlich vom Migranten-Theater gesprochen?  
Feridun Zaimoglu: Ich finde diesen Begriff belanglos. Ich will auf viele deutsche Szenen einen Blick werfen. Das ist für mich prägend. Kanak-Sprak ist vorbei für mich. Migrationshintergrund klingt für mich wie Migränehintergrund. Migränetheater interessiert mich nicht. Alle Blasen zerplatzen, auch diese. Ein Idiot bleibt ein Idiot, egal mit welchem Vorder- oder Hintergrund. Meine Haltung ist anders: Es leben die deutschen Wirklichkeiten. 

Interview: Peter Laudenbach

Alpsegen Deutsches Theater, 15.6., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 284 41-221

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