Theater

Festival digging deep an getting dirty

Dritte GenerationSo viel lässt sich schon jetzt versprechen: „Die dritte Generation“ von Yael Ronen dürfte die gewagteste Aufführung der Spielzeit sein und vermutlich die am heißesten diskutierte. Die Koproduktion der Schaubühne und des Habimah Theaters Tel Aviv machte Furore, als das Work in Progress letztes Jahr beim Festival Theater der Welt in Halle gezeigt wurde. Neun Monate und einen Krieg später wird sie anders, aber sicher nicht weniger provokativ sein. Denn die Sprengkraft liegt im Thema selbst: Je vier israelische, palästinensische und deutsche Schauspieler/innen der dritten Generation nach Shoah und Naqba versuchen, sich über Fragen von Schuld, Scham und Sühne zu verständigen.

Sie tun es respektlos und offen, voller Sarkasmus und Selbstironie und mit einer unbändigen Lust, auf jedem Tabu so lange herumzutrampeln, bis es platzt. Der Gordische Knoten, der Opfer und Täter verbindet, wird mit kräftigem Schwertschlag zerschlagen,
und das Ergebnis ist quietschkomisch und erschreckend zugleich. Das abgegriffene Klischee vom Lachen, das im Halse stecken bleibt – hier ist es physisch und permanent spürbar. Selten wurde die Political Correctness und die naiv verengte Weltsicht, der sie entspringt, so blitzgescheit ad absurdum geführt. Was dabei der Lächerlichkeit preisgegeben wird, sind nicht die Gefühle, sondern die ritualisierten Verdrängungsmechanismen, die vor ihnen schüt­zen sollen. Darf man das? Wenn man es so intelligent und ehrlich macht, schon. Aber es geht bis an die Schmerzgrenze und manchmal auch drüber hinaus.

Die Improvisationen, aus denen das Stück entstand, basierten auf den Familiengeschich­ten der Beteiligten – da waren plötzlich alle Großeltern Opfer, denn Geschichte und ihre Wahrnehmung hat immer auch mit dem Blick­winkel zu tun, aus dem sie erlebt wird. Deshalb lässt Yael Ronen, die als Autorin und Regisseurin der Aufführung zeichnet, Juden die Nazis oder Palästinenser die israelische Besatzungsmacht spielen.
Die Szenen sind schnell, frech und um die Ecke gedacht, die Akteure ebenfalls. In „Don’t com­pare“ müssen die Palästinenser ihr Recht auf Leidensdruck gegen die Juden verteidigen, in einer anderen Nummer wird der israelisch-palästinensische Konflikt mit den Methoden professioneller Eheberatung untersucht. Und der dauerbetroffene Deutsche steigert sich in einen rechthaberischen Entschuldigungsrausch – es ist Theaterkabarett, das den Schorf von der Wunde kratzt, bevor es zuschlägt, damit es auch richtig schön weh tut. Man muss lachen und fragt sich ständig, ob man auch darf. Und genau das ist das Tolle, denn die Verunsicherung bringt den Kopf zum Arbeiten und das Herz zum Pochen – beides kommt im Thea­ter heutzutage ja nicht so oft vor.

Text: Renate Klett

Fotos: Falk Wenzel

Dritte Generation
Schaubühne, Kurfürstendamm 153, Wilmersdorf, 20.3., 5.4., 20 Uhr, 23.-25.3., 21 Uhr, 3.+4.4., 20.30 Uhr

digging deep and getting dirty
Festival, 19.-29.3.

Mehr über Cookies erfahren