Theater

Festival MaerzMusik 2010

Luci-mie-traditriciIm nach wie vor reichlich mit staatlichen Subventionen begossenen Biotop der Hochkultur ist ausgerechnet die zeitgenössische Musik das anachronis­tischste Paradiesgärtlein. Hier schreit man andauernd „Avantgarde“ und „Revolte“, hier darf nichts gefallen, es soll wehtun, so jedenfalls der strikte Qualitätsanspruch ihrer Hardcore-Jünger. Die mögen zwar immer weniger und im gesamtgesellschaftlichen Diskurs überhaupt nicht mehr ernst genommen werden, doch dafür scharen sie sich umso vehementer um die Geldtöpfe. Denn nach wie vor gibt es ein engmaschiges Netz aus Proporzpöstchen, Prestigeaufträgen, Fördergeldern aus Stif­tungen mit einem diffusen Fortschrittsgedanken – und nicht zu vergessen den volksbildnerischen Staatsauftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstal­ten mit ihren Festivals und Kom­positionsaufträgen. Zwar hängen inzwischen viele der Neue-Musik-Jünger am Rande des Exis­tenzminimums, doch der Betrieb braucht seine Feigenblättchen.

In Berlin gibt es sieben Orchester und drei große Opernhäuser, doch im zeitgenössischen Bereich passiert nicht viel. Nachdem Peter Mussbach von der Linden-Oper weggemobbt wurde, liegt das für Aufführungen nicht wirklich geeignete Magazingebäude wieder brach. Der neue Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm hat zwar als Eröffnung seiner Ära am 3. Oktober 2010 eine Uraufführung von Jens Joneleit angekündigt, zu der Renй Pollesch das Libretto schreiben, die Christoph Schlingensief inszenieren und Daniel Barenboim dirigieren wird. Luci-mie-traditriciAuch will Flimm aus Salzburg die Luigi-Nono-Produktion „Al gran sole“ in eine Berliner Halle verfrachten sowie Tage der Zeitgenössischen Oper veranstalten. Der Mann hat es kapiert: Nur als Festival, als besonderer Schaubudenradau hat so etwas noch Relevanz. Die Komische Oper hingegen erlitt mit ihrer kopfig-unsinnlichen „Hamlet“-Uraufführung von Chris­tian Jost nur einen Achtungserfolg, konzentriert sich aber erfolgreich auf neue Kin­der­opern. Kirsten Harms an der Deutschen Oper mochte nach einer ungeliebten, vom Vorgänger Udo Zimmermann einge­tüteten Isabel-Mundry-Novität nichts Aktuelles mehr anfassen und verlegte sich – mit durchwachsenem Erfolg – auf Raritäten. Zeitgenössisches Musik­thea­ter in kleinem Rahmen bietet kontinuierlich nur noch die Neuköllner Oper.

Auch die Orchester sind bequem geworden. Das Deutsche Symphonie-Orchester hat seine „Musik der Gegenwart“-Reihe eingestellt, bei den anderen tut sich kaum Bemerkenswertes. Die Philharmoniker zäumten zwar (mit Hilfe des Musikfests Berlin) Stockhausens „Gruppen“, die bereits problemlos und wunderbar von Claudio Abbado in der Scharoun-Schüssel zu hören waren, als millionenteures Event im dafür erst adaptierten Tempelhofer Flugzeughangar auf. Im gegenwärtigen Konzert­alltag stellt sich Simon Rattle höchs­tens einmal für eine unbedeutende Uraufführung des Kompositionsfunktionärs Siegfried Matthus (der im Philharmoniker-Stiftungsrat sitzt) ans Pult.
Auftritt Matthias Osterwold, der Leiter der MaerzMusik. Da auch andere städtische Neue-Musik-Murkeleien wie Tesla im längst toten Podewil oder die Kryptonale das Zeitliche gesegnet haben, hat die Neue Musik in Berlin eigentlich nur noch zwei Plattformen: das vom rbb und vom Deutschlandradio kuratierte Ultraschall-Festival und eben Osterwolds MaerzMusik unterm Dach der Festspiele. Dabei geht der seit 2001 ziemlich pragmatisch vor. Auch wenn sein Motto für die diesjährige Festivalausgabe „Utopie (verloren)“ lautet, sieht er, womit die Berliner zu locken sind. Für wirklich spektakuläre Kompositionsaufträge hat er nicht genug Geld. Also gibt es einerseits ein wenig modisches Chill-out-Feeling in diversen Sonic-Art-Lounges, ansonsten setzt er verstärkt auf szenische Produktionen. Drei sind es in dieser Ausgabe, die prunken mit großen Namen, sind aber leider nur Nachspiele oder Nebenarbeiten.

Salvatore__SciarrinoAus Salzburg kommt Rebecca Horns Arbeit „Luci mie traditrici“ (Foto) von 2008. Als Regie-Debütantin und Einspringerin für den gestorbenen Klaus Michael Grüber profitierte die Großmeis­terin der Berliner Goldgrund­avantgarde mit ihrer handgestrickt-kitschigen Nacherzählung der atmosphärischen Gesualdo-Oper des anderswo längst gespielten Salvatore Sciar­rino vom strengen Barockambiente der Kollegienkirche. Bereits am 15. März kommt in Basel das jüngs­te Musiktheater von Beat Furrer und Christoph Marthaler heraus, das dann kurz darauf in Berlin zu sehen sein wird. „Wüstenbuch“ bezieht seine Inspirationen von Händel Klaus, Ingeborg Bachmann und einem altägyp­tischen Totenpapyrus. Und schließlich gastiert der bildende Künstler William Kentridge mit Zeichentrickmaterial für seine eben in New York gezeigte Inszenierung der „Nase“ in der Neuen Nationalgalerie. „Telegrams from the Nose“ wird vom Ictus Ensemble freilich nicht nur mit Schostakowitsch-Musik begleitet. In Berlin ist somit selbst Resteverwertung noch festivalwürdig.

Text: Manuel Brug
Fotos: Attilio Maranzano, Luca Carr

MaerzMusik 2010 Termine
Fr 19. bis So 28.3., ausführliches Programm unter www.maerzmusik.de

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