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„Foreign Affairs“- Festivalkuratorin Frie Leysen im Gespräch

frie_leysen_c_ilja_hoeppingSchon als Frie Leysen bei der „Foreign Affairs“-Pressekonferenz auf dem Podium cool eine Zigarette nach der anderen rauchte, war klar: Die Frau hat Klasse. Im Gespräch lacht sie viel und macht es einem im ­Prinzip unmöglich, nicht von ihr hingerissen zu sein. Frie Leysen, die Erfinderin von „Foreign ­Affairs“, des neuen Theater- und Performance-Festivals der Berliner Festspiele, hat ihre Festivals stets etwas radikaler und ­neugieriger als die Konkurrenz an Inhalten statt am Markt ausgerichtet. ­In den 80er ­Jahren baute sie das Kunstencentrum ­deSingel in Antwerpen auf, 1992 gründete sie in ­Brüssel das multidisziplinäre Kunstenfestival. 2007 kuratierte sie ein ­internationales ­Festival in neun arabischen Städten von ­Damaskus bis Rabat. 2010 leitete sie das ­Festival „Theater der Welt“ in Mülheim und ­Essen, ab 2014 ist sie Schauspieldirektorin der Wiener Festwochen.

Frau Leysen, Sie bieten einen erstaunlichen Service an: Wer will, kann ein paar Freunde zu sich nach Hause einladen, Sie kommen vorbei und erzählen etwas über Ihr neues Festival „Foreign Affairs“…
Gestern Abend habe ich auch wieder einen Hausbesuch gemacht. Ich finde das schön, die Leute sind wirklich inte­ressiert. Wenn man Künstler einlädt, die in der Stadt noch nich so  bekannt sind, muss man ein bisschen erzählen, was sie machen.

Ein bösartiger Mensch könnte sagen, Kunst, die man erst erklären muss, hat ein Problem.
Ich erkläre nicht die Arbeiten der Künstler, ich habe absolut kein didaktisches Interesse. Aber ich erzähle, wie das Festival-Programm entstanden ist. Ich arbeite, wenn ich ein Festival mache, nie mit einem vorgegebenen Thema. Kpnstler wissen selber, welche Themen für sie wichtig sind. Jeder der Künstler bei „Foreign Affairs“ repräsentiert nur sich selbst, sie stehen nicht für irgendein Programm. Aber was ich in letzter Zeit bei vielen Künstlern, und vielleicht nicht nur bei Künstlern, beobachte, ist so etwas wie eine neue Utopie. Das merkt man auch im Festivalprogramm. Nach Jahren von Pessimismus und Zynismus habe ich jetzt das Gefühl, dass viele Künstler wieder optimistisch sind

Damit dürften Sie angesichts der Wirtschafts- und Schuldenkrise ziemlich alleine sein.
Ja, ich verstehe, was Sie meinen. Aber was Federico Leуn bei „Foreign­ Affairs“ auf der Bühne zeigt, das ist wirklich so etwas wie eine utopische Gesellschaft. Auch das Zero-Yen-House von Kyohei Sakaguchi hat für mich viel mit der Utopie einer anderen Gesellschaft, einer anderen Art zu leben, zu tun. Aber was zum Beispiel Daisuke Miura zeigt, ist das Gegenteil von Optimismus, das ist eher ausweglos, dunkel und pessimistisch. Auch Rodrigo Garcнa zeigt die dunklen Seiten unserer Gesellschaft.

Ist „Foreign Affairs“ einfach ein austauschbares Format, zu dem Sie die Künstler einladen, die Sie sowieso interessieren?
Nein, man muss ein Festival immer für den besonderen Ort machen, an dem es stattfindet. Für mich ist „Foreign Affairs“ komplementär zu dem, was es in Berlin schon gibt. Ich hoffe auf eine größere Diversität im Publikum. Es ist nicht nur ein Festival für Charlottenburg und Wilmersdorf. Wir arbeiten mit den Sophiensaelen zusammen, wir haben die Eintrittspreise deutlich gesenkt, auch, um ein jüngeres Publikum zu erreichen. Ein Festival kann wie eine Oase sein, in der die üblichen Normen und Hierarchien für kurze Zeit außer Kraft gesetzt sind.

Viele Ihrer Festival-Gäste sind alte Berliner Bekannte. Rodrigo Garcнas Inszenierungen kann man in der Schaubühne sehen. Fabian Hinrichs spielt an der Volksbühne. Die Andcompany und Boris Charmatz waren oft im HAU, Anne Teresa de Keersmaeker ist Stammgast beim „Tanz im August“. Alles Künstler Ihres Festivals. Besonders komplementär zum sonstigen Berliner Angebot ist das nicht.
Fabian Hinrichs zeigt bei „Foreign Affairs“ seine erste eigene, große Arbeit. Das ist etwas anderes, als wenn er an der Volksbühne ganz wunderbar in den Inszenierungen zum Beispiel von Renй Pollesch spielt, und es ist sicher ein wichtiger Schritt für ihn als Künstler. Anne Teresa de Keersmaeker und Boris Charmatz haben sehr lange keine ihrer großen Arbeiten in Berlin gezeigt – das ist am HAU schon wegen der Bühnengröße nicht immer möglich. Aber Sie nennen hier fünf von 19 Künstlern, von denen viele noch völlig unbekannt in Berlin sind und zum ersten Mal hier spielen.

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