Theater

„Forced Entertainment“ im HAU

Forced Entertainment

Ein Punkt, der Etchells an der Umsetzung gereizt hat: „Die Performer Robin Arthur und Richard Lowdon stehen vor dem Publikum und sprechen als ‚Wir‘, obwohl sie offensichtlich zwei verschiedene Individuen sind. Man glaubt dieses ‚Wir‘ nicht“, so der Regisseur. Klar, ein zentrales Thema für eine Gruppe, die sich als Kollektiv begreift.
In Szene gesetzt ist „The Notebook“ mit extrem sparsamen Mitteln. Bloß zwei Performer und zwei Stühle. Aber Etchells und seine Mitstreiter haben nie viel äußeren Aufwand betrieben. Sondern im Zweifel lieber Leerstellen gelassen, in jeder Hinsicht. „Mich interessieren Situationen auf der Bühne, in denen das, was gesagt und getan wird, unkomplett bleibt“, erklärt Etchells.
Ein Prinzip, nach dem auch sein Solo „A Broadcast/Looping Pieces“ funktioniert. Eine mehr oder weniger improvisierte Collage, die sich aus dem überbordenden Notizenpool des Chefdenkers speist. Gesammelt in der gleichen Word-Datei wie das „Speak Bitterness“-Material. Es sind Fragmente aus Zeitungen, aufgeschnappten Unterhaltungen, gelesenen Geschichten, vorgefundenen Zitaten. Etchells montiert sie scheinbar wahllos und jedes Mal neu. Der Zuschauer ist gefordert, die Verlinkungen und Fortschreibungen zu leisten. „Mitmachtheater“, lacht Etchells. „Aber nur auf gedanklicher Ebene.“
Um alltägliche Phrasen geht es auch in „That Night Follows Day“. Vor allem um solche aus Erwachsenenmündern. „Beeil dich.“ „Halt die Füße still.“ „Sag Danke schön.“ Was Erziehungsberechtigte halt so sagen. Tim Etchells hat daraus einen fließenden Text der Imperative gedichtet, den er am Produktionshaus Campo in Gent mit Kindern und Jugendlichen zur Uraufführung gebracht hat. Für Berlin wurden neue Jungdarsteller gecastet, die sich den Text in einem Workshop mit abschließender szenischer Lesung aneignen. „‚That Night‘ macht die Situation greifbar, in der sich Kinder befinden und für die sie selbst vielleicht keine Worte finden“, so Etchells. Mal wieder eine typische Forced-Entertainment-Verbindung von Theorie und Praxis.

Text: Patrick Wildermann

Foto: Hugo Glendinning

The Notebook, HAU2, Do 16.+Fr 17.10., 19.30 Uhr

A Broadcast/?Looping Pieces, HAU3, Do 16.+Fr 17.10., 22 Uhr

Speak Bitterness, HAU2, Sa 18.10., 18–24 Uhr

That Night – Follows Days: Workshop–Präsentation, HAU1, Sa 18.+So 19.10., 17 Uhr

Tim Etchells: Artist Talk, HAU2, So 19.10., 19 Uhr

Karten-Tel.: 030/25 90 04 27

Lektüre
Das Buch ist zwar schon anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Gruppe erschienen – aber da laut Tim Etchells „die letzten zehn Jahre extrem schnell vorbeigezogen sind“, ist der deutsch-englische Essayband „Das Theater von Forced Entertainment“ nicht veraltet. Neben sehr lesenswerten Beiträgen, zum Beispiel vom Postdramatiker-Papst Hans-Thies Lehmann, bietet das Buch ein erhellendes Gespräch mit Tim Etchells. Zum Beispiel über das Verhältnis zwischen Forced Entertainment und ihren Zuschauern, das in der Produktion „Showtime“ mal auf die schöne Formel gebracht wurde: „Es gibt ein Wort für Leute wie euch: Publikum.“

Not Even a Game Anymore. Hg. von Judith Helmer u. Florian Malzacher, 320 Seiten, Alexander Verlag 2004. 24,99 Euro.

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