Theater

„Forced Entertainment“ im HAU

Forced Entertainment

Zuletzt haben Forced Entertainment das schottische Votum gegen die Unabhängigkeit sabotiert. Was noch? Tim Etchells muss mal eben in seinen Notizen blättern. Ah ja, ein paar Geiseln des IS haben sie auch geköpft. „Ich sammle nahezu täglich Material dieser Art“, sagt der Gründer des britischen Performance-Kollektivs.
Die Notizen sind neuer Stoff für „Speak Bitterness“, eine 20 Jahre alte, sich ständig weiterentwickelnde Performance, in der sieben Akteure an einem Tisch sitzen und über Stunden Geständnisse vom Stapel lassen: „Wir haben gelogen, als es leichter gewesen wäre, die Wahrheit zu sagen.“ „Wir haben uns zu sehr geliebt.“ „Wir haben geglaubt, alles sei nur ein Film.“ Oder was immer das Weltgeschehen an Beichtenswertem bietet. Geköpfte Geiseln zum Beispiel. Zuletzt haben Forced Entertainment das Stück 2008 wieder aufgenommen und upgedatet.
„Ich mag den Mix aus Altem und Neuem“, sagt Etchells. „Sooft ich die Zeitung lese, Nachrichten schaue oder im Internet unterwegs bin, ziehe ich mir Textfragmente für ‚Speak Bitterness‘ raus.“ Jetzt ist die Performance erstmals in einer sechsstündigen Version in Berlin zu sehen. Im Rahmen des Jubiläumswochenendes, mit dem das HAU das 30-jährige Bestehen von Forced Entertainment feiert.
Gegründet hat sich das Kollektiv mit sechs Kernmitgliedern 1984 an der Universität von Exeter, damals war Tim Etchells gerade 22 Jahre jung – ein gutes Alter, um das Theater neu zu erfinden und eine der einflussreichsten Performance-Gruppen Europas zu gründen. Noch im selben Jahr zog man nach Sheffield, in den rauen Norden Englands. Weil es dort Widerstandsgeist gab, wie Etchells findet. „Die Stadt prägt unsere Ästhetik und unsere Wahrnehmung noch heute“, sagt der Regisseur, Autor, Performer und künstlerische Leiter des Kollektivs. Daran ändert auch nichts, dass die Gruppe seit Jahrzehnten einen Großteil des Jahres auf Tour verbringt.
Forced EntertainmentForced Entertainment haben sich Anfang der 90er vor allem als Pioniere der Durational Performances einen Namen gemacht. Arbeiten, die bis zu 24 Stunden dauern konnten. In denen zum Teil nicht ein Wort gesprochen wurde. Die leicht durchschaubaren Regeln folgten und mit Wiederholungen, Loops und Leerlauf spielten. Radikale Fortschreibungen eines Weges, den Marina Abramovi? und andere angebahnt hatten. Wobei Etchells versichert: „Wir waren nie besessen von Innovation. Ich will Arbeiten schaffen, die sich gegenwärtig und relevant anfühlen.“
Was der Kopf der Gruppe verstärkt solo verfolgt. Als Schriftsteller, mit Video und Fotografie, zuletzt auch als Lichtkünstler. Ans Frankfurter Theater Mousonturm hat er zum Beispiel den Neonschriftzug „The future will be confusing“ montiert. Fürs HAU wird eine neue Neonskulptur entstehen. „Ich mag die extrem kurze Aufmerksamkeitsspanne, die diese Arbeiten verlangen“, sagt er. „Man kann auf der Straße dran vorbeilaufen oder fünf Minuten in einer Galerie davor verbringen. Es ist eine andere Art, mit den Leuten zu kommunizieren als im Theater.“ Allerdings habe er nie überlegt, Forced Entertainment für seine Solokarriere zu verlassen. „Natürlich gab es schwierige Phasen, in den wir zu kämpfen hatten. Mit den Projekten und miteinander“, sagt Etchells. Aber er nennt die Gruppe auch „ein Lebenswerk und eine unerschöpfliche Quelle“.
Am HAU wird eine gut ausgewogene Mischung aus alten und neuen Arbeiten gezeigt, die das Spektrum dessen abbildet, was Forced Entertainment ausmacht. Eine der jüngsten Produktionen heißt „The Notebook“. Sie basiert auf dem Buch „Das große Heft“ der ungarisch-schweizerischen Schriftstellerin Бgota Kristуf und erzählt von Zwillingsbrüdern, die während des Zweiten Weltkriegs zur Großmutter aufs Land geschickt werden. Erst das zweite Mal, dass Forced Entertainment mit einer Textvorlage gearbeitet haben. „Das große Heft“ ist im Tone eines nüchternen Erlebnisberichtes verfasst. Und durchgehend in der Wir-Form.

Fotos: Hugo Glendinning

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