Theater

„Foreign Affairs“ in Berlin

ZeroYenHouse-5_c_OliverWolffZum Neustart des Festivals Foreign Affairs, das die zu Recht abgeschaffte spielzeit’europa ersetzt, haben sich die Berliner Festspiele und die Gründungskuratorin des neuen Festivals, die Belgierin Frie Leysen, viel vorgenommen. Viele Künstler der 19 Gastspiele sind zum ersten Mal in Berlin zu sehen, das thematische Spektrum reicht von Schlangentänzen und Atombombenversuchen bis zu Monstern und Feen, von Brett Baileys afrikanischer Medea bis zu „En Atendant“-Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker. Der Japaner Kyohei Sakaguchi zeigt kein Theaterstück, er baut ein Haus. Und selbstverständlich ist das eine politische Aktion.

„Schon als Kind habe ich nicht verstanden, wie Menschen Land als Eigentum begreifen können“, sagt der Architekt, Autor und Aktivist. Wir sitzen entspannt auf der Wiese vor dem Festspielhaus und blicken auf die Kastanienbäume. Einen der Bäume hat der 34-Jährige als lebendes Material in die 80 m2 große Wohnkonstruktion eingeplant, die er hier aufbauen will – ein „Mobile House“ als temporären Konzert- und Lebensraum für den Pianisten Marino Formenti. Kyohei Sakaguchis mobile Wohneinheiten haben sich aus seinem Langzeitprojekt „Zero Yen House“ entwickelt, eine Dokumentation über Lebensstrategien von Obdachlosen in Tokio. Während die anderen Architektur­studenten an der Universität neue post­moderne Kästen entwarfen, streifte der damals 20-Jährige durch Straßen und die Peripherie. Er wollte das Verhältnis zwischen Wohn- und öffentlichem Raum verstehen. Und er wohnte im Selbstversuch in einem ehemaligen Wassertank auf dem Dach eines verlassenen Gebäudes und in einer Behausung am Ufer des Flusses Tamagawa. Der Architekt fing an, sich für Obdachlose in Tokio zu interessieren, die in kleinen, selbst gebauten Häusern für „zero yen“ wohnen. Von ihnen hat Kyohei Sakaguchi gelernt, wie man aus Materialien, die andere Menschen wegwerfen, flexible Wohnarchitekturen entwirft.

kyohei_sakaguchi_Sechs Romane und Sachbücher hat er seit 2004 über seine Recherchen veröffentlicht. Im März 2011 politisierte die Reaktor­katastrophe von Fukushima sein Leben und Denken und das einer ganzen Gruppe von Künstlern in Tokio. Sakaguchi war gerade Vater geworden. In großer Unsicherheit über die tatsächliche radioaktive Belastung der Hauptstadt verließen sie mit ihren Familien Tokio und zogen nach Südwesten, in die Präfektur Kumamoto, Sakaguchis Geburtsort. Dort stellte er anderen Flüchtlingen sein „Zero Center“ als temporäre Unterkunft zur Verfügung und gründete den autonomen Staat „Zero Public“ mit derzeit 300 Bewohnern und einem „New Government“, dessen Premierminister er ist: „Ich habe einfach die Hand gehoben.“ Sakaguchi (Foto) nutzt Lücken im Rechtssystem, um seine Projekte zu realisieren. „Momentan gibt es acht Millionen leer stehende Häuser in Japan, 700?000 Wohnungen und Häuser alleine in Tokio“, sagt der Architektur-Aktivist. Trotzdem findet man einen Architekten, der keine Häuser bauen will, in Japan komisch. Aber mit seinem Interesse, über das Wohnen und Leben neu nachzudenken, ist Sakaguchi nicht alleine.

Gerade hat der Filmregisseur Yukihiko Tsutsumi den Spielfilm „My House“ in die japanischen Kinos gebracht. Basierend auf Sakaguchis Recherchen kontrastiert Tsutsumi das Lebensgefühl eines obdachlosen Pärchens mit der bedrückend-zwanghaften Lebens­realität eines jungen Eliteschülers. Auf dem Philadelphia Live Arts Festival tritt Sakaguchi selbst als dramatische Figur in Erscheinung: in Toshiki Okadas Stück „Zero Cost House“, das seinen autobiografischen Rückzug ins ländliche Kumamoto mit Henry David Thoreaus „Walden“ kurzschließt. Der Mann ist beweglich wie seine Häuser: „Ich werde in Tokio vor allem als Autor wahrgenommen, in Kanada bin ich bildender Künstler und in Europa werde ich immer zu Performance-Festivals eingeladen.“ Bei Foreign Affairs wird Sakaguchis „Mobile House“ jetzt drei Wochen lang von Pianist Marino Formenti mit Musik von John Cage, Morton Feldman und Louis Couperin bespielt – jeden Tag von 11 bis 23 Uhr. Eine Ausstellung im Oberen Foyer macht klar, weshalb die Installation systemsprengend ist: „Zero Public – Practice for Revolution“.

federico_leonFür die zweite Festivaleröffnung, „Las Multitudes“ des Argentiniers Federico Leуn (Foto links), proben 13 Argentinier und 108 Berliner in den Uferstudios im Wedding. „Las Multitudes“ ist ein Partizipationsprojekt, in dem Menschen aus fünf Generationen die Kräfte ausloten, die in einer Gemeinschaft wirken: Liebe, Kon­flikte und Schmerz. Über ein Jahr hat Federico Leуn in Buenos Aires geprobt, dort hatte „Las Multitudes“ im Juli seine Uraufführung. 13 argentinische Darsteller sind nach Berlin gereist, um die Berliner „Multitudes“ anzuleiten. „Wem gehören die Schuhe auf der Bühne?“, fragt die Regieassistentin bei der Probe durchs Mikrofon. Männer und Frauen aller Altersgruppen überfüllen den Raum, dazwischen spielen Kinder. Gelassen sitzt Federico Leуn am Rand, er wundert sich, wie gut die Berliner Adaption anläuft, wie schnell die gecasteten Berliner, alles keine professionellen Schauspieler, die Sprache des Stückes aufnehmen. Der internationale Festivalreisende kennt Berlin, frühere Arbeiten wie „Mil quinientos metros sobre el nivel de Jack“ oder „Yo en el futuro“ waren am HAU zu sehen.

Die „Multitudes“-Berliner haben eine spannende Probenzeit: „Das ist der Hammer. Das hat etwas total Symbiotisches“, berichtet der 21-jährige Miko Hadryseewicz. Das Produktionsbüro hat sich nach Probenschluss in eine Suppenküche verwandelt, gemeinsam sitzt man am großen Tisch. Ulla Ashika Haug erzählt von der Rolle, die sie als Lehrerin hatte, und wie es sich anfühlte, als die Kinder und Eltern im Laufe der Jahre im Verhältnis zu ihr immer jünger wurden: „Seit meiner Pensionierung habe ich mich innerlich gefragt, wo ich hingehöre.“ Jetzt ist sie bei Leуns Stück in der Gruppe der Senioren angekommen. „Es wäre schön“, wird Federico Leуn im Programmheft zitiert, „wenn sich das Publikum am Ende an jede der 121 Personen erinnern könnte.“

Nach der Festivaleröffnung geht es mit ähnlich ambitionierten Projekten weiter. Im Ballhaus Ost etwa setzen die finnisch-schwedischen Performance-Gruppen Institutet und Nya Rampen ihre Zusammenarbeit fort. Für ihren verstörenden Missbrauchs­albtraum im Keller einer Kleinfamilie erhielten sie 2011 den Impulse-Preis als beste Off-Theater-Produktion. Jetzt zeigen sie „We Love Africa and Africa Loves Us“. Ähnlich bedrückend choreografiert Boris Charmatz das Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern in seinem spektakulären Stück „Enfant“ (2011). Lange sind die Körper der Kinder auf der Bühne den erwachsenen Tänzern völlig ausgesetzt, bis sich das Verhältnis umkehrt. Fast alleine wird sich dagegen der Schauspieler Fabian Hinrichs auf der großen Bühne den letzten Dingen des Lebens stellen. Der Virtuose des Bühnenmonologs, bekannt aus Volksbühnenauftritten bei Renй Pollesch, wird sich und die Band um Jacob Ilja (Element of Crime) zum ersten Mal selbst inszenieren: „Die Zeit singt dich tot.“

Text: Anja Quickert

Fotos: Oliver Wolff (oben), Kyohei Sakaguchi

INTERVIEW MIT FESTIVALLEITERIN FRIE LEYSEN

Foreign Affairs 28.9.–26.10., Haus der Berliner Festspiele, Sophiensaele, Ballhaus Ost u.a., Infos und Tickets: 25 48 91 00, www.berlinerfestspiele.de

Kyohei Sakaguchi „Mobile House“, vor dem Haus der Berliner Festspiele, Vernissage Do 27.9., 19 Uhr; 28.9.–20.10., täglich 11–23 Uhr

„Las Multitudes“ Haus der Berliner Festspiele, Fr 28.9., 20 Uhr; Fr 29. + Sa 30.9., 17 Uhr

Verlosung: 5?x?2 Tickets für „Multitudes“ am 29.9. E-Mail bis 28.9. an [email protected], Kennwort: Foreign Affairs

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