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Foreign Affairs – Das Festival zeitgenössischer performativer Künste

Foreign Affairs

Aus einem choreografischen Zentrum in der Bretagne ein Tanzmuseum zu machen, muss sich einer erst mal trauen. Es wäre, als wollte man das Staatsballett zum Ballettmuseum erklären. Oder die Berliner Festspiele zum Theatermuseum. Aber 2009, als der Choreograf Boris Charmatz sein Tanzmuseum eröffnet hat, lag er damit im Trend. Die Retrowelle brach über die Künste herein. Das Früher wurde zum Ort der schönen Illusion. Früher war die Musik noch authentisch, die Kunst noch Avantgarde und das Theater ein Ort, an dem man revoltierten konnte. Auch der Tanz genoss sein schönstes Paradox: Bis zur Selbstvergessenheit ist diese Kunst vergänglich und verlangte jetzt heftig nach einer eigenen Geschichte.
Boris Charmatz, dem Erfinder des Musйe de la danse, widmen die Berliner Festspiele bei ihrem Festival Foreign Affairs in diesem Jahr einen Programmschwerpunkt. Charmatz war mit seiner Hinwendung zur Vergangenheit ein Avantgardist der Retromania. Dabei schien kaum einer weniger geeignet als er, ausgerechnet als Museumsdirektor in die Geschichte einzugehen.
Er war es, der zuvor mit Aktionen wie „hйвtre- йlйvision“ das Theater als Peepshow in Konkurrenz zum Fernsehen kritisierte. Er lästerte über die Sehgewohnheiten eines Publikums, das in „Aatt  enen  tionon“ am liebsten aufs nackte Gemächt der Darsteller achtete. Diese historischen Performances zeigt er in Berlin jetzt noch einmal, nachdem sie schon in den 1990er-Jahren die Intendanz von Nele Hertling am Hebbel-Theater krönten. Das Gute an so einem Tanzmuseum ist, dass es ungeniert alles wiederholen, ja, selbst die eigene Vergangenheit als Meilenstein der Tanzperformance wiederbeleben darf.
Und natürlich ist ein Tanzmuseum sehr geeignet, sich mit den interessantesten Künstlern seines Fachs zu umgeben. Boris Charmatz lädt die Koryphäen des zeitgenössischen Tanzes zu Foreign Affairs ein: Janez Jansa aus Slowenien, Ko Murobushi aus Japan oder den jungen Adam Linder aus Deutschland. Sie und viele andere werden am 27. und 28. Juni am Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park aufmarschieren, eine Revival-Band aus lauter Originaltänzern. Vor den Sarkophagen des „heldenhaften Sterbens“ feiern sie die ewige Wiederkehr des Tanzes. Es könnte eine perfekte Provokation werden. An einem im stalinistischen Prunk erbauten Siegesmonument zu Ehren des Siegs über das faschistische Deutschland wird pazifistische Tanzflüchtigkeit zelebriert. Charmatz weiß eben genau, was ein historischer Effekt ist.
Große Ernsthaftigkeit darf man ihm auch attestieren, wenn er am 12. und 15. Juli in den Kunstsaelen in der Bülowstraße nach dem Sinn seines eigenen Museums fragt. In „Expo zйro“ verhandelt eine Crиme de la Crиme des zeitgenössischen Tanzes ihre eigene Geschichtswerdung, darunter natürlich Boris Charmatz himself, aber auch Tim Etchells, Mette Ingvartsen, Pichet Klunchun, Rabih Mrouй, Meg Stuart und viele andere, die sich eine Woche lang in Berlin um ein kollektives Museum bemühen werden, das statt aus Artefakten aus reiner Tanzbewegung bestehen soll.
Charmatz braucht für seinen Eingang in die Geschichte keine akribischen Historiker, die eh nur Leerstellen finden, die sich mangels besserer Erinnerung mit Fakten nicht mehr füllen lassen. Er braucht kein nobles Kunstmuseum, keine auf Vollständigkeit bedachte Plattensammlung, keine unendliche Bibliothek. Es reicht, sich allein mit der Behauptung zu begnügen, dass alles, was die Zuschauer sehen, ein Augenzwinkern später echte Geschichte geworden ist. Aus der Geschichte des Tanzes macht er so etwas sehr Einfaches: Er erklärt sie zum Kunstwerk. 

Text: Arnd Wesemann

Foto: Caroline Ablain

Foreign Affairs, Haus der Berliner Festspiele und andere Orte, 26.6.–13.7., Karten-Tel. 25 48 91 00, www.berlinerfestspiele.de

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