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„Foreign Affairs“ im Haus der Berliner Festspiele

Seit Menschen auf dem Mond landen, mit Passagierflugzeugen Hochhäuser zum Einsturz bringen und per Fallschirm aus dem All springen, haben die Künstler ein Problem. Je gewaltiger der Mensch seine Sensationen vollbringt, desto minderwertiger fühlen sich die Künst­ler. Und desto größenwahnsinniger gebärden sie sich, um mitzuhalten mit den Superlativen. Die Foreign Affairs der Berliner Festspiele bieten ihnen dafür die perfekte Plattform. Hier wimmelt es vor Großtaten: alle 36 Shakes­peare-Stücke! 24 Stunden lang schlaflose Eks­tase! Die große Passion des heiligen Theaters!
Eröffnet wird die Tour de Force von den Performance-Veteranen der Needcompany und ihrem Stück „The Time between Two Mistakes“. Die Belgier brauchen dazu bloß zwei Stunden und 15 Minuten. Sie wollen die Zeit betrachten, die es dauert, bis der leere Raum des Theaters seine Unschuld an das Drama verliert. Sie wollen ihre eigene große Zeit begutachten, die vor 30 Jahren begann, um beim Öffnen des Archivs der Need­company festzustellen, dass heute das Gestern und die Gesten etwas ganz anderes bedeuten als gestern. Der Needcompany-Regisseur Jan Lauwers, Träger des renommierten Goldenen Löwen von Venedig, möchte nachweisen: Nie war Theater so wertvoll wie heute.
Ebenfalls schon seit über 30 Jahren trägt die britische Compagnie Forced Entertainment ihren stolzen Namen: Zwanghafte Unterhaltung versprechen sie. Berühmt wurde die Truppe um Tim Etchells für ihre Durational Performances. Jetzt zeigen sie alle (!) Shakes­peare-Stücke in jeweils 40 Minuten kurzen Performances (mehr dazu auf Seite 54).
Jan Fabre, auch so ein aus den 80er-Jahren übrig gebliebener Avantgarde-Pionier, braucht länger, einen ganzen Tag, 24 Stunden für eine Hohe Messe der Performance-Kunst. Gewöhnlich sind solche 24 Stunden gründlich getaktet, hier Schlaf-, dann Bade-, schließlich Arbeits­zimmer. Das Stadttheater hält sich mit arbeitstag­kompatiblen Zeiten an diese Routinen. Nun aber drohen an einem Wochen­ende 24 Stunden „Mount Olympus“. 24 Stunden Exzess der Marke Jan Fabre. Der belgische Extremist des Theaters setzt – ebenfalls seit 30 Jahren – auf völlige Erschöpfung. Vor zwei Jahren erst beförderte er in Berlin seine je acht­stündigen Spätschicht-Werke „This Is Theatre Like It Was to Be Ex­pected And Foreseen“ (1982) und „The Power of Theatrical Madness“ (1984) ins Rampen­licht. Seit einem halben Jahr nun schuftet er täglich zwölf Stunden in seiner Heimat­stadt Antwerpen an einem prometheischen Gewalt­akt, um die große griechische Tragödie wieder so erscheinen zu lassen, wie sie mal war: kein bloßes Aufsagen von über­lieferten Texten, sondern ein Fest des Obszönen, eine Feier all dessen, was der Alltag verdrängt: den Tod, die Schuld, das Begehren, den Sinn. 24 Stunden im Theater zu verbringen, auch essend, auch trinkend, auch, um in einem Zelt im Garten des Berliner Festspielhauses ein Nickerchen zu halten, all das soll wieder einen zarten Eindruck davon vermitteln, wie betörend es sein kann, in einem Theater zu leben, statt es nur zu besuchen. Auf der Bühne geht es deftig zu, mit Schweiß und Fleiß, mit Fleischlappen und Blütenstaub und mit jeder Menge exaltiertem Pathos. Ein echter Jan Fabre, der derb wie ein antiker Satyr seine Dionysien mit 30 Schauspielern als den Rausch feiert, der wie in der Antike erst durch die Schönheit der Verausgabung, durch Schlaflosigkeit und das Fantasieren der Erschöpften entstand.
Foreign Affairs wendet sich damit dem Theater in seiner ganzen Eigenheit zu, geht aber auch zu den Quellen dieser Kunst, den heidnischen und den christlichen. Die spanische Theatermacherin Angйlica Liddell (Foto: „You are my destiny“) hat das Urtheater in der übersteigerten Liebe zu Gott ausgemacht, in der masochistischen Lust, nicht am Theater, sondern an der Strafe Gottes. In ihrer kleinen Foreign-Affairs-Werkschau geht es zu wie in einem Kloster. In ihrem Stück mit dem schönen Titel „Primera carta de San Pablo a los Corintios. Cantata BWV 4, Christ lag in Todesbanden. Oh, Charles!“ voll­endet sie ihren Auferstehungs-Zyklus, wobei ein gold bemalter Christus, der Liddell einen Koffer mit Kelch und Tüchlein bringt, damit sie mit Gott von der Sünde rede, schließlich das Wunder vollbringt, eine Taube ihrer zarten Hand entsteigen zu lassen. Wie nah die Kunst den ältesten und damit religiösen Werten kommt, bewies neulich erst der Theologe Philipp Meyer. Im Programmbuch des Festivals Foreign Affairs unterstrich er alle religiösen Begriffe. Er kam auf 412. Hallelujah!

Text:
Arnd Wesemann

Fotos: Brigitte Enguerand

Foreign Affairs 25.6.–5.7., ?Haus der Berliner Festspiele u.?a., ?Karten-Tel. 25 48 91 00, ?www.berlinerfestspiele.de

Eröffnung: Do 25.6., 17 Uhr ?u.?a. mit Forced Entertainment: „Complete Works: Table Top Shakespeare“ (Kassenhalle, bis 4.7.), Needcompany: „The Time between Two Mistakes“ (Große Bühne), Miguel Guitterez: „Deep Aerobics“ (Seitenbühne), Florentina Holzinger u. Vincent Riebeek_ „Gonzo, the Making-of“ (Parkdeck, bis 5.7.) und Tino Sehgal: „This Progress“ (bis zum 5.7.)

Mount Olympus, to glorify the cult of tragedy (a 24h performance)
?von Jan Fabre, Uraufführung: Sa 27.6., 16 Uhr bis So 28.6., 16 Uhr

Focus Angйlica Liddell: ?“You are my destiny“ Di 30.6., 20 Uhr; „Primera Carta de San Pablo a los Corintios …“, Sa 4.7., 22 Uhr, So 5.7., 19 Uhr; Im KW Institute of Contemporary Art: ?Lesung „Via Lucis“, Mi 1.+Do 2.7., 20 Uhr; ?“Lesiones incompatibles con la vida“, ?Mi 1.+Do 2.7., 21 Uhr

Forced Entertainment: „Complete Works: Table Top Theatre“ Haus der Berliner Festspiele, Do 25.7.–Mi 1.7., je vier Shakespeare-Stücke je Festival­tag

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