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„Forest: The Nature of Crisis“ von Constanza Macras

ForestDie Tanztheater-Inszenierungen von Constanza Macras waren immer wieder hinreißende Hybride – ein Mix der Stile, Themen und Lebensgeschichten, mit Darstellern aus den unterschiedlichsten Ländern und Kontexten. Diese Stil-Collagen reichten von „Scratch Neukölln“ im HAU mit migrantischen Neuköllner Jugendlichen bis zu ihrem gemeinsam mit Thomas Ostermeier als wilde Grenzüberschreitungsparty inszenierten „Sommernachtstraum“ an der Schaubühne.
Auch ihre neue Produktion spielt wie Shakespeares Komödie in einem nächtlichen Wald, in dem andere Gesetze als in der Wirklichkeit des Tages gelten und sich Menschen von nüchternen Zeitgenossen in seltsame Tiere und absonderliche Naturwesen verwandeln. Für „Forest: The Nature of Crisis“ machen Macras und ihre DorkyPark-Compagnie den Müggelwald zu einer Zauberbühne. Das Publikum zieht von der Abenddämmerung bis in die tiefe Nacht entlang mehrerer Spielstationen durch den Wald. Im Gespräch schwärmt Macras davon, wie sich der Wald allein durch den Wechsel der Tageszeit und des Abendlichts verwandelt – und von den beeindruckenden Froschkonzerten, mit denen die Natur für den Soundtrack sorgt: „Was wir machen, ist eine Kontaktimprovisation mit Mücken und Fröschen“, kleiner Scherz am Rande.

Ihren Stil- und Genremix hat die Freestyle-Choreografin noch ein bisschen weiter getrieben als in ihren früheren Inszenierungen. Musik des Romantikers Robert Schumann verbindet sich mit den Naturgeräuschen. Märchen der Gebrüder Grimm, romantische Projektionen vom Leben in der Natur und spätrousseauistische Aussteigerphantasien konterkariert sie mit Berichten von Wirtschaftskrisen und Finanzblasen. „The Nature of Crisis“ meint beides: Die Wirtschaftskrise als logische Folge der Natur des Kapitalismus und, umgekehrt, romantische Bilder einer scheinbar idyllischen, den ökonomischen Verwertungszwängen entzogenen Natur als Eskapismus-Phantasie, mit der sich die Krisenopfer aus den Härten kollabierender Sicherheiten und einem ungemütlicher werdenden Kapitalismus hinausträumen.

ForestEs geht also um nicht weniger als um das Verhältnis zwischen Natur und Zivilisation, um die Natur des Kapitalismus wie um die Phantasien, selbigen hinter sich zu lassen, und sei es um den Preis, auf seine Bequemlichkeiten verzichten zu müssen und sich etwas regressiv aus der Geschichte zu verabschieden. Etwas stressfreier lassen sich solche Phantasien vom nichtentfremdeten Leben bei der Lektüre von „Landlust“ und ähnlichen Wohlfühl-Zeitschriften befriedigen, ein Angebot, das offenbar ein weit verbreitetes Bedürfnis befriedigt. Wie es aussieht, wächst angesichts hochabstrakter Arbeit in komplexen Konzernhierarchien und einer immer virtuelleren, spekulativen, von der Realwirtschaft abgekoppelten Finanzbranche, die ganze Staaten vor sich hertreibt, der kompensatorische Wunsch nach dem vermeintlich Echten, unmittelbar Erlebbaren, scheinbar so kuschelig Authentischen.

Macras will nicht so recht verraten, was genau die Besucher erwartet, es soll ja überraschend bleiben. Wir vermuten mal, dass ihre Berliner Waldexkursion an ein ähnliches Projekt anknüpft, das sie im vergangenen Jahr in Wales unternommen hat. Damals schwärmte die Kritikerin des Guardian von dem „wildly eccentric piece of work“, von in Bäumen hängenden Brautkleidern, von Meerjungfrauen-Gesängen unter Wasserfällen, von betrunkenen Frauen auf High Heels in glitzernden Ausgeh-Kleidern, dressed to party. Und weil Macras und ihre Figuren eindeutig Großstädter und alles andere als naive Naturkinder sind, werden uns auch im Wald nicht unbedingt verzottelte „Fuck-for-Forest“-Selbstdarsteller-Späthippies begegnen, sondern Punks, nachtlebenerprobte Metropolenbewohner, internationales Hipstervolk, das es auf der Flucht vor der Krise in den Wald und damit in ein ihnen sehr fremdes Terrain verschlagen hat. Die Rousseau-Parole vom Zurück-zur-Natur wird so als das kenntlich, was sie schon im 18. Jahrhundert war: nicht das Gegenteil von, sondern ein Produkt der Moderne, genau so dekadent wie die beklagten Auswüchse der Zivilisation, die Rückseite von Aufklärung, Kapitalismus und Industrialisierung, auf die sie reagiert, natürlich ohne ihr entkommen zu können.

Rousseau und das 18. Jahrhundert sind eines der Themenzentren des Abends, und das nicht nur, weil mit Rousseau und später mit der Romantik der Prozess, die Natur zum Projektionsraum zu machen, im großen Stil einsetzte. Macras hat die Geschichte einer Spekulation eines halbseidenen Finanzjongleurs ausgegraben, der im 18. Jahrhundert ein würdiger, um nicht zu sagen visionärer Vorläufer heutiger Lehman-Pleite-Brüder, Goldman-Sachs-Mafiosis und Deutsche-Bank-Investmentdealer war. Der schottische Ökonom John Law, der im frühen 18. Jahrhundert das Papiergeld in Frankreich einführte, mit aberwitzigen Spekulationen ungeheure Vermögen vernichtete und Frankreich damit an den Rand des Staatsbankrotts brachte, war ein früher Held des Hochstapler-Kapitalismus. Seine Manöver mit dem Platzen heutiger Finanzmarkt-Blasen und den Natur-Idealisierungen seines Zeitgenossen Rousseau zu parallelisieren, ist eine typisch clevere Macras-Themen-Collage und so klug und böse wie unterhaltsam.

Constanza_MacrasWeil der Wald auch ein typischer Märchen-Ort ist, lässt sich Macras diese Dimension, die anders als in Shakespeares romantischem „Sommernachtstraum“ weniger mit Liebe und einer somnambulen Twilight-Zone als mit Angst und Schrecken zu tun hat, natürlich nicht entgehen. Wie wäre es zum Beispiel, „Hänsel und Gretel“ aus einem deutschen Wald der Gebrüder Grimm ins heutige Krisen-Griechenland zu übertragen, mit verarmten Eltern aus der unteren Mittelschicht, die ihre Kinder zum Betteln in die verwaiste Innenstadt schicken und irgendwann einfach aussetzen? Die nächtliche, menschenleere Innenstadt, durch die alle möglichen Gangster und Gangs marodieren, in der Gerüchte über Kannibalismus und von Organhändlern gefangenen Kindern umgehen, wird so zur neuen, angstbesetzten Wildnis jenseits der Zivilisation. Auch das gehört zu den schönen Irritationsmomenten, die Macras mit ihrem nächtlichen Waldspaziergang bereithält: Das gefährlichste Raubtier ist natürlich der Mensch. Die barbarische Wildnis findet sich nicht irgendwo im Wald, sondern mitten in der Zivilisation. 

Text: Peter Laudenbach
Fotos: Thomas Aurin, Bettina Stöß

Forest: The Nature of Crisis
Müggelwald,
Sa 10., Mo 12.–Mi 14., Fr 16.–Mo 19.8., 19.30 Uhr, am 19.8. Filmübertragung mit Live-Musik an der Schaubühne, Karten-Tel. 89?00?23

Treffpunkt um 19 Uhr am Waldeingang gegenüber Parkplatz „Rübezahl“, Müggelheimer Damm 143. Anfahrt mit der S3 Richtung Erkner bis S-Bhf. Köpenick, weiter mit dem X69 (10-Minuten-Takt) Richtung Müggelheim
bis zur Haltestelle Rübezahl oder mit der Fähre von Friedrichshagen (Abfahrt 18.00 Uhr, bis Station Rübezahl)

 

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