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Fortsetzung: Interview mit dem heißesten Regisseur der Stadt: Herbert Fritsch

Herbert_FritschIst das Pathologische der Wiederholungszwang, der darin liegt, immer wieder das gleiche Wort auszusprechen?
Das hat etwas von einer Gebetsmühle: unendliche Versuche, dieses Wort auszusprechen. Der Wiederholungszwang ist genauso nah am Ritual wie am Pathologischen. Die Grenzen zwischen Religion und Wahnsystem, auch zwischen Kunst und Wahn, sind da ziemlich löchrig. Wir wissen auch nicht, ob wir gerade eine Komödie machen oder ob wir von einem Religionswahn befallen sind. Wir verlieren die Orientierung, gleichzeitig halten wir uns zwanghaft an diesem Text fest. Ich halte lange Reden bei den Proben, die Schauspieler müssen durch diese Religion durch. Ich mache ja in Wirklichkeit Heiltheater, Wunderheiltheater. Ich möchte auch Heilfilme drehen – die Heilung des Publikums, die Heilung der Schauspieler, darum geht es, also ganz altmodisch: Katharsis.

Wie muss man sich die Proben vorstellen?
Es gibt Proben, da katapultieren sich die Schauspieler mit einer Besessenheit durch diese „Murmel Murmel“-Wiederholungsschleifen und heben ab. Die sind nach drei Stunden Proben fix und fertig. Ich habe keine Ahnung, ob die Aufführung am Ende zwanzig Minuten oder fünf Stunde dauert. Wie lange widersteht man dem Publikum, diesem vieläugigen Ungeheuer, indem man nur „Murmel Murmel“ sagt? Wolfram Koch zum Beispiel hat erzählt, dass er neulich im Supermarkt vor dem Regal stand und sich dabei ertappt hat, wie er laut immer wieder „Murmel Murmel“ gesagt hat. Das Problem ist, dass die Schauspieler ununterbrochen zählen müssen, weil diese Struktur so unerbittlich ist.

Klingt, als bräuchten Sie statt der Souffleuse ein Metronom?
Die Souffleuse haben wir ausgeladen. Statt des Metronoms haben wir Geräusche und die Musik von Ingo Günther, der auch die tolle Musik bei „(S)panische Fliege“ gemacht hat. Man hört ständig diesen Puls. Das Theater ist ein Kraftwerk, das eine eigene Energie erzeugt, einen Sog, der nichts mit irgendwelchen Erklärungen oder irgendeinem Sinn zu tun hat. Die ganze Bühne ist in unaufhörlicher Bewegung und spielt mit, eine sogenannte Gassenbühne mit Soffitten, ganz altmodisch, aber mit monochromen Farben. Die Bühne ist eigentlich eine kinetische Skulptur.

Heiner Müller sagt über die Literatur der Bundesrepublik, das sei nichts als „dicke Schichten von Gemurmel“. Können Sie damit etwas anfangen?
Ich weiß immer noch nicht, was dieses „Murmel“ bedeuten soll. Aber ich möchte auf keinen Fall, dass das Exprimentiertheater ist. Sondern ich suche eine Form der krassen Unterhaltung. Ich habe in einer Zeitschrift ein Foto gesehen, auf dem ein dünnes Seil zwischen zwei Felswänden über einem Abgrund in den Dolomiten gespannt war. Auf dem Seil geht ein Mann wie ein Seiltänzer im Zirkus. Das ist Entertainment! Und weshalb ist es Entertainment? Weil er so was von abstürzen kann. Wir sind Akrobaten, wir suchen diesen Thrill. Natürlich kann so ein Abend wie „Murmel Murmel“ komplett abstürzen, gerade weil es krasses Entertainment ist.

Sie haben in den vergangenen Jahren in den unterschiedlichsten Theatern gearbeitet – Köln, Oberhausen, Schwerin, Magdeburg, Halle, Hamburg, Berlin … Eine dumme Frage: Ist es nicht wahnsinnig anstrengend, von Bühne zu Bühne zu tingeln und dabei immer, so wie Sie, Theater auf möglichst hohem Energielevel zu machen?
Ende des Jahres inszeniere ich auch noch in München, am Residenztheater, dann habe ich quer durch die Republik die unterschiedlichsten Ensembles kennengelernt. Das war erst einmal wichtig. Das Anstrengende ist, immer wieder bei null anzufangen, immer wieder erst so etwas wie ein Ensemble mit einer gemeinsamen Sprache bilden zu müssen. Ich freue mich sehr, dass jetzt bei „Murmel“ mein vertrautes Team und vertraute Schauspieler dabei sind. Denen muss ich nichts groß erklären, weil wir uns aus der Arbeit kennen, das ist wunderbar. Was ich mir wünsche, ist eine größere Kontinuität in der Arbeit mit bestimmten Schauspielern, in einer Gruppe von Künstlern, die immer wieder miteinander arbeitet. Erst so entsteht eine gemeinsame Entwicklung. Am liebsten würde ich so was natürlich in Berlin machen.

Interview: Peter Laudenbach
Fotos: David von Becker


Murmel Murmel

Volksbühne,
Premiere: Mi 28.3., weitere Termine u.a.: Sa 31.3., Sa 7.4., Sa 14.4., 19.30 Uhr,
Karten-Tel.240 657 77

Herbert Fritsch
Herbert Fritsch, 61, war in den frühen, wild bewegten Jahren an Castorfs Volksbühne ein Extrem-Schauspieler im sowieso schon ziemlich extremen Ensemble: ein eleganter Herr, gerne im Anzug, der jederzeit komplett durch­drehen oder Szenen auch gerne mit einiger Penetranz endlos zerdehnen konnte. Seit zwölf Jahren verfilmt Fritsch in einem Endlos-Projekt Shakespeares „Hamlet“. Das begleitet er mit einem in die unterschiedlichsten Stilwelten und Genres mäandernden Internet­projekt (www.hamlet-x.de), in dem Theater und Medienkunst ineinandergreifen und Hamlets Wahnsinn aufs Schönste psyche­delisch flackert. Zuletzt drehte Fritsch den Spielfilm „11 Onkels“. In den letzten Jahren hat Fritschs Regie-Karriere rasant Fahrt aufgenommen. Inszenierte er vor drei Jahren noch an kleinen Provinztheatern, ist der mit seinen überdrehten Farcen und seinem zirzensisch-artifiziellen Hoch­beschleunigungstheater spätestens seit dieser Spielzeit in der ersten Regie-Liga angekommen.

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